23.06.2017 13:55 | Rebecca Röhrich

Stadt. Land. Schluss.: Wie der neue Stadtteil die letzten Frankfurter Bauern vertreibt

Frankfurt Es wird eng in Frankfurt. Ein neuer Stadtteil zwischen Niederursel und Praunheim soll der Wohnungsnot Abhilfe schaffen. Dort befinden sich aktuell die letzten Äcker und Weiden Frankfurts. Ursprünglich hatte die Stadt Frankfurt das Land übernommen, damit doch nicht gebaut wird. Jetzt bleibt ihr kaum etwas anderes übrig.

Die jungen Landwirte schauen bange in die Zukunft. Bilder >
Die jungen Landwirte schauen bange in die Zukunft. Bild: ror

Die Grenze zwischen Frankfurt und Oberursel ist ein Feldweg. Links Getreide, rechts Zuckerrüben. Links die Skyline, rechts Landidyll. Richard Bickert steht auf der Demarkationslinie, die die Stadt vom Land trennt. Er bestellt Äcker auf beiden Gemarkungen. Weizen und Mais auf Frankfurter Gebiet und zusätzlich Zuckerrüben in Oberursel. Der Landwirt greift in seinen Weizen, lässt einzelne Ähren durch seine Finger gleiten und nickt zufrieden. "Keine Parasiten, ausreichend feucht“, sagt er. Die Prognosen für die Ernte dieses Jahr sind gut. Wärme, Sonne, Regen, passt. Früher, bis in die 70er Jahre, war das alles Oberurseler Land - vor der Gebietsreform. Dann hatte die Stadt Frankfurt die Äcker übernommen. Man wollte die Felder damit vor Bebauung schützen und damit ihren kühlenden Effekt für die Metropole bewahren. Heute ist alles anders.
Der Weizen entwickelt sich gut. Die Landwirte hoffen auf gute Ernte.

Gut gegen Hitze

Bickerts Äcker liegen seither an den Ausfransungen der Mainmetropole. Felder, Pferdekoppeln und Kleingärten klettern die Anhöhe hinunter. Die Stadt beginnt zögerlich. Einzelne Wohnhochhäuser ragen aus dem Grün hinaus. Mittendrin das Nordwestkrankenhaus wie ein monströser Grenzstein. Dahinter: Die Nordweststadt. Die Frankfurter Skyline wie eine Kulisse am Horizont. Links die Reihenhäuser des Riedbergs, rechts liegt Steinbach, im Rücken Oberursel, dahinter der Feldberg. Die A 5 durchschneidet das Panorama, schlängelt sich mit konstantem Rauschen in Richtung Norden.

Bickert schiebt sich seine Baseballmütze aus der Stirn. Es ist zehn Uhr morgens und bereits warm. Später wird es heiß. Dann flimmert die Hitze über Autobahn und Stadt. Hier oben geht’s dann meist noch, sagt der Landwirt. Taunusluft treibt vom Großen Feldberg über den Altkönig hinab in Richtung Innenstadt. Im Frankfurter Klimaplanatlas sind Bickerts Felder blau eingefärbt. Sie gelten als Kühlfläche für eine Stadt, die laut Deutschem Wetterdienst auch ohne weitere Bebauung die 25-Grad-Marke bis 2050 immer seltener unterschreiten wird. Experten rechnen künftig mit durchschnittlich 72 Tagen Sommer pro Jahr. Bis 2000 war das nur 46 Mal der Fall.

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