21.04.2017 03:30 |

Handwerksunternehmen: Wenn der Betrieb digitalisiert wird

Mühlheim am Main Vernetzte Großmaschinen und computergesteuerte Auftragsabwicklung: Die Mühlheimer Tischlerei Kramwinkel hat schrittweise (fast) alle Verwaltungs- und Fertigungsprozesse digitalisiert. Das bringt viele Vorteile – auch für die Kunden.

Geschäftsführer Florian Kramwinkel programmiert am Computer die riesige CNC-Fräse. Sie kann nuten, fräsen und bohren. 	Foto: Muriel Frank
Geschäftsführer Florian Kramwinkel programmiert am Computer die riesige CNC-Fräse. Sie kann nuten, fräsen und bohren. Foto: Muriel Frank

Zum Zeichenblock greift Florian Kramwinkel nicht mehr. Stattdessen entwirft der Schreiner Küchen, Türen und Einbauschränke am Computer in 3D – nach Kundenwünschen maßgeschneidert. Per Mausklick erzeugt das Programm dann anhand seiner Zeichnung eine Stückliste und sendet diese samt weiterer Auftragsinformationen – etwa Maßen und Kundendaten – an die Maschinen in der Werkstatt. „Der Einsatz modernster digitaler Technik ist bei uns Alltag“, sagt der Diplomingenieur für Holztechnik. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Mitte der 1990er Jahren begann Kramwinkels Vater Wolfgang damit, den Betrieb schrittweise zu digitalisieren. Zunächst schaffte er eine Software an, um die Auftragsabwicklung zu erleichtern. Später ließ der Vater diese nachrüsten, damit sie auch zur Kalkulation verwenden werden konnte.

Vakuum-Arm hebt Hölzer

Inzwischen sind beinahe alle Prozesse und Maschinen bei der Mühlheimer Tischlerei über diese Software gebündelt und miteinander verknüpft. Kunden- und Materialdaten sind ebenso hinterlegt wie Preise und die Dauer bestimmter Arbeitsschritte. Den Zuschnitt kann die Software anhand der Stücklisten optimieren, das Flächenlager vollautomatisch über einen Vakuum-Arm beschicken und für die Produktion vorsortieren. Möglich ist das allerdings nur, weil die drei Großmaschinen in der 2500 Quadratmeter großen Werkstatt computergesteuert sind. Sie übernehmen millimetergenau Zuschnitt und Bekantung sowie das Fräsen, Nuten und Bohren. „Und trotzdem können sie von nur einem Mitarbeiter bedient werden“, erzählt Kramwinkel.

Die Tischlerei, die jährlich achteinhalb Millionen Euro Umsatz macht, produziert Einrichtungen für Hotelzimmer, Teeküchen in Bürogebäuden und Bettenwohnheimen, Küchen und Einbauschränke sowie Empfangstheken.

Grundsätzlich habe die Digitalisierung viele Vorteile gebracht, da sie Prozesse vereinfacht und optimiert habe. Und das wiederum spare Kosten, sagt Kramwinkel. Heute müssten zudem nicht mehr alle Mitarbeiter jeden Auftrag bis ins Detail kennen. Es reiche aus, die Maschine bedienen zu können und das Holz entsprechend den Vorgaben zu bearbeiten. „Außerdem erleichtert sie uns die Überwachung der Fertigungsprozesse“, ergänzt der Juniorchef.

Für Kunden biete die digitalisierte Firma ebenfalls Vorteile. „Jeder Mitarbeiter kann jederzeit auf jeden Kundenauftrag zugreifen. Der Auftraggeber profitiert also von der ständigen Verfügbarkeit der Daten“, sagt Kramwinkel.

Selbst die Zeiterfassung läuft in der Tischlerei inzwischen mittels computergesteuerter Technik. „Die Mitarbeiter buchen ihre Stempelkarten jeweils auf den Auftrag und die Maschine, an der sie gerade arbeiten“, informiert Kramwinkel. Das diene nicht nur der Kontrolle der Angestellten, sondern auch der wirksamen Nachkalkulation. „Wir können so nachvollziehen, ob für eine bestimmte Aufgabe mehr Zeit am Zuschnitt oder der Kantenmaschine benötigt wurde, als wir ursprünglich angedacht hatten“, sagt er. Dann könne er korrigierte Werte ins System einarbeiten.

Je höher der Digitalisierungsgrad im eigenen Unternehmen, desto kritischer sei ein Systemausfall, sagt Kramwinkel: „Wenn die Technik versagt, stehen unsere Maschinen still und wir verdienen kein Geld.“ Deshalb schütze er das System mit Firewall und Spamfilter vor Hackerangriffen und unerwünschter Schadsoftware. Abgesehen davon würden die Mitarbeiter regelmäßig in Sachen Datensicherheit geschult, sagt Kramwinkel. „Niemand sollte einen Link in einer Mail mit unbekanntem Absender öffnen.“

Wettbewerbsfähig

Die Server in der Firma Kramwinkel sind bisher nur ein Mal ausgefallen. Das war vor drei Jahren, als Einbrecher in den Serverraum eingestiegen waren und den Großrechner lahmgelegt hatten. „In dieser Zeit konnte niemand arbeiten“, erzählt der 33-Jährige.

Ob Digitalisierung für alle Handwerksunternehmen in Zukunft ein Muss ist? Kramwinkel verneint. „Jeder muss den Grad der Digitalisierung in seinem Betrieb selbst festlegen.“ Für Ein- und Zwei-Mann-Betriebe sei sie womöglich nicht so zwingend. „Für größere Unternehmen dagegen schon. Wir brauchen digitale Technik, um uns zu organisieren und wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Für die Zukunft sehe er seinen Betrieb vor allerlei Herausforderungen. Kramwinkel: „Wir dürfen neue Trends nicht verpassen und müssen gleichzeitig das bestehende System weiterentwickeln. Das bedeutet viel Arbeit.“

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