13.09.2017 03:30 | Thomas Baumgartner

Automobilmesse: IAA in Frankfurt: Zukunft mit Konzepten von gestern

Frankfurt Die deutschen Autohersteller stehen massiv unter Druck. Ihre IAA-Auftritte aber wirken wie von gestern und werden die Debatte kaum drehen können.

Elektromobilität? Klar, später. Erst protzen wir noch mal mit PS-starken Verbrennern der Superklasse, hier dem Mercedes-AMG Project One. Bilder >
Elektromobilität? Klar, später. Erst protzen wir noch mal mit PS-starken Verbrennern der Superklasse, hier dem Mercedes-AMG Project One. Bild: Uli Deck (dpa)

Erinnern Sie sich noch an den Marlboro-Mann? Der trotzte dem wissenschaftlich längst bewiesenen Lungenkrebs-Risiko und ritt Richtung Sonnenuntergang ritt, bis der Darsteller selbst der Krankheit zum Opfer fiel. Auch die Automobil-Industrie zelebriert – allen Debatten um Abgas-Betrug, zweifelhafte Absprachen und Fahrverbote und den vielen Klagen betrogener Kunden zum Trotz – den Kult um das „heilige Blechle“: In den Werbefilmen kurven adrette junge Leute ganz ohne Stau durch San Francisco oder entlang der Amalfi-Küste, Gewicht und PS-Zahl der neu zugelassenen Autos steigen ständig, und auf der Branchenschau IAA in Frankfurt ist ebenfalls alles (fast) wie immer.

Da bescheinigt Opel-Chef Michael Lohscheller gestern, am ersten Tag der Messe, selbst dem biederen Insignia (in der Version „Country Tourer“) „Offroad-Appeal“ und stellt die zweite Kooperation mit der Konzernmutter vor: Nach dem Crossland kommt, auf der Basis des Peugeot 3008, der Grandland als mittelgroßes SUV. Höhepunkt der nach Einschätzung von Beobachtern reichlich faden Präsentation ist ausgerechnet ein Film über den vom Betriebsrat bereits heftig kritisierten Auftritt Lohschellers gemeinsam mit PSA-Boss Carlos Tavares in Helm und Rennklamotten am Nürburgring. Die Rüsselsheimer gehören neuerdings ja zu dem französischen Konzern.

Oder bei Mercedes, wo man sich wie alle zwei Jahre besonders viel Mühe mit der Inszenierung gegeben und die Festhalle aufwendig umgebaut hat. Daimler-Chef Dieter Zetsche gibt sich zwar verbal geläutert: „Der Erfinder des Automobils erfindet sich neu. In der Diskussion der vergangenen Monate ist ohne Zweifel Vertrauen verloren gegangen.“ Der Smart soll in den nächsten Jahren komplett auf elektrische Antriebe umgestellt werden.

Doch die Präsentation steht weiterhin ganz im Zeichen der Riesenkutschen – als Top-Elektroauto stellt Zetsche eine Limousine der S-Klasse vor. Der S560e, bisher als Typenbezeichnung eines Krupps-Geschirrspülers geläufig, ist fast 5,30 Meter lang. Im Unterschied zu anderen deutschen Autobauern kann Zetsche immerhin herausstellen: „Mit einer Batterie aus unserer eigenen Fabrik in Sachsen.“ Der Plug-in-Hybrid kommt rein elektrisch allerdings gerade einmal 50 Kilometer weit. Und als sei dies nicht genug, fährt der britische Rennfahrer Lewis Hamilton im Mercedes-AMG Project One vor, der zum Stückpreis von schlappen drei Millionen Euro die Formel 1 auf die Straße bringen soll: ein 1000 PS starkes, über 350 Kilometer pro Stunde schnelles Geschoss – hoffentlich waffenscheinpflichtig.

Autonomes Fahren

Da hilft es wenig, dass der Konzern in der Festhalle eine ganz vom Auto losgelöste Zukunfts-Konferenz veranstaltet: unter anderem mit Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, die sich öffentlich beklagt hat, wie wenige Autos dem Krankenwagen mit ihrem sterbenden Mann auf dem Weg ins Hospital Platz gemacht hatten, oder dem eher als Vielflieger bekannten Kurator Hans Ulrich Obrist aus London. Und Vorstandsfrau Britta Seeger, ganz cool im schwarzen Lederjäckchen, schwärmt vom autonomen Fahren der Zukunft: „Ich muss das Auto nicht mehr suchen, es kommt zu mir.“ Andere sehen da eher den totalen Verkehrskollaps in den Innenstädten voraus, wenn Autos mangels Parkplatz einfach permanent im Kreis kurven, bis die Fahrerin mit ihren Einkäufen fertig ist.

Der Elektroauto-Pionier Tesla des kalifornischen Unternehmers Elon Musk ist gleich gar nicht zur IAA erschienen. Die „FAZ“ stellt die Zukunft der gesamten Schau in Frage und formuliert als Kernfrage: „Ist es auch künftig noch sinnvoll, alle zwei Jahre für viel Geld eine IAA auszurichten?“ Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel redet den Autobossen zum wiederholten Mal ins Gewissen: „Es ist erhebliches Vertrauen missbraucht worden. Das wird auch nachwirken bei uns als Politikern.“

GTI und SUV

Bei der Neuheiten-Präsentation von VW jedoch kein Wort zum Abgas-Skandal; stattdessen feiert man den 40. Geburtstag des Golf GTI, Lieblingsauto aller Wahnsinns-Raser und Hobby-Rennfahrer. Die schlechte Nachricht: Die PS-Rekordjagd „mit den drei geilen Buchstaben“ im Kleinwagen gibt es künftig auch im Polo und Up. Zudem stellt natürlich auch VW einen neuen SUV vor, den T-Roc. Am Vorabend hatte Konzernchef Müller zumindest ein wenig Einsicht gezeigt: „Wir haben verstanden, und wir werden liefern.“ Gleichzeitig verbat er sich in Sachen Diesel jede Einmischung: Die Hersteller müssten sich von niemandem vorschreiben lassen, welcher Motor der richtige sei.

Ein ähnliches Bild bei den Konzerntöchtern Porsche, wo Vorstandschef Oliver Blume den neuen Power-SUV Cayenne Turbo (550 PS, 286 Stundenkilometer) vorstellt, und Skoda: Die Tschechen setzen ebenfalls auf SUVs und bringen nach dem schweren Kodiaq den etwas kleineren Karoq an den Markt. Da dürften sich die Bundeswehr-Soldaten unter den Zuschauern, auch wenn sie sonst Panzer fahren, ganz wie zu Hause fühlen.

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