12.09.2017 03:30 | Thomas Baumgartner

Mittelständische Unternehmen: Ein Nachfolger für die Firma

Frankfurt 37 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Hessen brauchen in den kommenden fünf Jahren einen Nachfolger.

Jürgen Feige (r.) und seine Tochter Julie (2. von li.) haben die Unternehmens-Nachfolge bei Hydas bereits geregelt. Auch Jasmin Malik (Vertrieb, li.), Benedikt Burger (E-Commerce) und Nina Dorrmann (Marketing) aus der zweiten Führungsebene sollen Anteile übernehmen.
Jürgen Feige (r.) und seine Tochter Julie (2. von li.) haben die Unternehmens-Nachfolge bei Hydas bereits geregelt. Auch Jasmin Malik (Vertrieb, li.), Benedikt Burger (E-Commerce) und Nina Dorrmann (Marketing) aus der zweiten Führungsebene sollen Anteile übernehmen.

Seit fast 20 Jahren ist Jürgen Feige Geschäftsführer eines Medizin-Großhandels in Frankfurt, den sein Vater gegründet hatte. Und er hat umgesetzt, was viele Firmeninhaber nur zögerlich tun, und bereits vor sechs Jahren die Übergabe der Hydas GmbH & Co. KG an die dritte Familiengeneration eingeleitet. Seither sitzt Tochter Julie ebenfalls in der Geschäftsführung. „In drei Jahren will ich in eine Art Aufsichtsratsfunktion wechseln“, kündigt der Senior an, „und in fünf Jahren auch kapitalmäßig voll ausscheiden.“

Der Importeur und Hersteller verkauft nicht nur Stützgürtel, Reizstromgeräte oder Wärmeunterbetten, sondern lässt auch nach eigenen Ideen und Schnitten fertigen. Rückenbandagen in verschiedenen Stärken beispielsweise lässt Hydas in Wuppertal fertigen, Elektronik kommt aus Asien, wo die Firma aus Eckenheim auch fast die Hälfte ihres Jahresumsatzes von vier Millionen Euro macht. Julie Feige kümmert sich um neue Wege im Marketing – etwa Werbung über Youtube – und ergänzt das rückläufige Kataloggeschäft durch Internet-Absatz, zum Beispiel über Amazon. „Ich halte mich da raus – ich weiß ja gar nicht, was ein ,Black Friday‘ ist“, sagt der Vater.

Eindeutige Kompetenzen

Eine solche Kompetenz-Abgrenzung sei wichtig, sagt Frank Lankau, Niederlassungsleiter Firmenkunden der Commerzbank in Frankfurt: „Der Senior muss loslassen.“ Auch externe Hilfe in der schwierigen Übergangsphase sei ratsam. 37 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Hessen stehen in den kommenden fünf Jahren vor einem Führungswechsel, so das Ergebnis der Commerzbank-Studie „Unternehmerperspektiven“. Bis 2025 stehen allein in der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main (die von Mainz bis Aschaffenburg reicht) nach einer Schätzung der HypoVereinsbank rund 10 400 Unternehmen mit 630 000 Mitarbeitern zur Übernahme an. Zu mehr als 90 Prozent sind Mittelständler familiengeführt beziehungsweise in Familienbesitz.

Eine unklare oder fehlende Nachfolgeregelung sei ein Nachteil bei Rating und Kreditvergabe, stellt Lankau klar: „Da brauchen sie eine Lösung, sonst ist das ein Thema auf der Kreditseite. Wenn sich der Unternehmer dem nicht stellen will, lassen wir eine Kreditlinie lieber auch mal auslaufen.“

Seit sie ihren Berufswunsch Tierärztin aufgegeben hatte, hat sich Julie Feige durch Wirtschaftsgymnasium und Berufsakademie auf ihre künftige Rolle vorbereitet. Zur Commerzbank haben die Feiges bereits Kontakt aufgenommen. Die Tochter will 51 Prozent der Anteile übernehmen, teilweise durch Kauf – und der Preis muss finanziert werden, wohl über einen Kredit. Auch an die Mitglieder der zweiten Management-Ebene will der Senior je 2,5 Prozent der Anteile verkaufen, um sie enger ans Unternehmen zu binden.

Dabei ist es keine Selbstverständlichkeit, dass die Nachfolge so frühzeitig klar geregelt ist – so wurde zum Beispiel der große Hydas-Wettbewerber Medisana voriges Jahr von Chinesen übernommen. Häufig gibt es keine Kinder, weil die Firmengründer buchstäblich für die Arbeit gelebt haben, oder die Nachkommen können oder wollen nicht ins Unternehmen einsteigen.

Betagte Unternehmer

Das Durchschnittsalter deutscher Unternehmer liegt bei 51 Jahren, mehr als 1,3 Millionen Unternehmer sind 55 Jahre oder älter. Gab es bundesweit noch im Jahr 2009 fast doppelt so viele potenzielle Nachfolger wie Senior-Unternehmer, so übersteigt seit 2013 die Zahl übergabereifer Firmen die der Interessenten. „Das ist gekippt, ungelöste Unternehmens-Nachfolgen bedrohen die Wirtschaftskraft in der Region“, sagt Thomas Jakob, bei der HypoVereinsbank für die Firmenkundensparte in der Region Südwest (die auch Hessen umfasst) zuständig, und fragt provokativ: „Gehen der Region die Unternehmer aus?“ Junge Leute legten häufig mehr Wert auf Work-Life Balance, also geregelte Arbeitszeiten, und eine sichere Festanstellung. Jakob: „Rund 50 Prozent der Unternehmen werden innerhalb der Familie übergeben, doch der Investitions- und Restrukturierungsbedarf wird oft unterschätzt. Daher sei eine frühzeitige und strategische Planung der Übergabe wichtig. Auch Jakob stellt klar: „Es ist ein Bonitäts-Malus, wenn eine Firma keine Nachfolgeregelung hat.“

Statt der Übergabe an Kinder oder andere Familienmitglieder komme auch der Verkauf an externe Manager oder Beteiligungsgesellschaften in Frage – am Geld fehle es, anders als an Machern, nicht. Jakob: „Die Preise sind aktuell natürlich hoch, aber das ist kein großes Hindernis.“

Viele Unternehmer wollten auch ihr Lebenswerk langfristig sichern und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, indem sie eine Stiftung gründen, sagt Christian Mangartz, der Leiter der HypoVereinsbank Südwest im Bereich Private Banking, also dem Geschäft mit reichen Privatkunden. In sechs Prozent aller Fälle sei der Erbe eine gemeinnützige Organisation – und Frankfurt wiederum zähle deutschlandweit zu den vier Städten mit der höchsten Stiftungsdichte, also der Zahl der Stiftungen pro Einwohner.

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