20.04.2017 03:00 |

Viele Jugendliche werden gehänselt oder körperlich angegriffen: Was gegen Mobbing hilft

Berlin Mobbing unter Schülern ist vielfältig. Gegen die Spießrutenläufe in Klassenzimmern und auf Schulhöfen empfehlen Experten eine „Null-Toleranz-Praxis“. Es gibt erfolgreiche Gegenkonzepte.

Eine Mädchen bleibt auf dem Schulhof außen vor, während andere über sie reden.
Eine Mädchen bleibt auf dem Schulhof außen vor, während andere über sie reden. Bild: (imago stock&people)

In Waibstadt steht Mobbing auf dem Stundenplan. Die Realschule des Städtchens in Baden-Württemberg beteiligt sich an einem Pilotprojekt der Uni Heidelberg im Kampf gegen teils brutale körperliche oder seelische Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen durch ihre Mitschüler.

Dort passiert im Kleinen, was OECD-Bildungsforscher jetzt mit Blick auf alarmierende neue Pisa-Daten auch für Deutschland eindringlich fordern: dass es endlich gemeinsame Kraftanstrengungen geben muss gegen systematisches Mobbing an Schulen. Also gegen die kleinen Fiesheiten und Hänseleien im Unterricht oder bewusst gestreute Gerüchte im Internet, gegen eiskalte soziale Ausgrenzung und regelmäßige „Keile“ für Mitschüler.

Alle einbeziehen

„Für manche ist die Schule ein Ort der Qual“, schreibt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Aus der Pisa-Sonderauswertung zum Lernumfeld von 15-Jährigen in aller Welt geht hervor, dass hierzulande fast jeder sechste Neuntklässler (15,7 Prozent) mehrfach im Monat zum Mobbing-Opfer wird. Die Studie stellt fest, dass regelmäßig Betroffene insgesamt weniger Lebensfreude empfinden als andere. Zudem sei das Lernklima für sie oft so schlecht, dass sich das Mobbing-Problem auf die Schulleistungen auswirke.

Was Lehrer besser machen können – dazu haben der Bildungsforscher Wilfried Schubarth und der Psychologe Ludwig Bilz (Universität Cottbus-Senftenberg) einige Antworten gefunden. Mit ihren Teams befragten sie für eine kürzlich erschienene Studie gut 2000 Schüler und 550 Pädagogen in Sachsen. „Wir haben herausgefunden, dass Lehrkräfte besonders dann intervenieren, wenn ihr Verständnis von Gewalt breit ist und sie beispielsweise soziale Ausgrenzung und Hänseleien erkennen“, sagt Bilz. „Lehrer, deren Verständnis für Gewalt sich auf körperliche Gewalt beschränkt, greifen seltener ein.“

Ein weiterer Befund: Kooperationen mit Kollegen oder der ganzen Klasse sowie langfristige Maßnahmen auf Klassen- oder Schulebene sind eher selten – obwohl dies am nachhaltigsten wäre. „Bisher dominieren Hilfsangebote für Einzelne in der Praxis, während nur knapp 20 Prozent der Schülerschaft von kooperativen Angeboten berichten“, berichtet Schubarth.

Als sinnvolles Projekt mit deutlich sinkenden Mobbing-Raten an Schulen gilt das Olweus-Präventionsprogramm. Die Methode des norwegischen Psychologen Dan Olweus wird derzeit auch an der Realschule Waibstadt getestet. „Olweus“ diene „vor allem der Verbesserung des Schulklimas und des Sozialverhaltens an Schulen“, sagte Michael Kaess, Psychologe am Uniklinikum Heidelberg, kürzlich dem Deutschlandfunk. „Und es ist ein Programm, das bewusst darauf abzielt, die gesamte Anzahl aller an einer Schule sich befindenden Menschen zu involvieren. Also von der Schulleitung über die Lehrerschaft, anderes Schulpersonal, Schüler, Eltern.“ Genau dies empfiehlt auch die OECD für einen konsequenten Anti-Mobbing-Kampf.

Wichtig sei unmittelbares Eingreifen, so der Psychologe Kaess. „Mobbing lebt von Zuschauern – es darf nicht cool sein, Klassenkameraden zu drangsalieren.“

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