12.10.2017 03:00 | Cornelie Barthelme

Kommt Österreich zu Kurz?

Wien/Berlin Am Sonntag wählen sich die Nachbarn im Süden ein neues Parlament – und wie es aussieht auch eine neue Regierungskoalition. Der Wahlkampf ist schmutziger als jemals zuvor; und das liegt nicht nur an einer Affäre um Täuschung und Spitzelei.

Sebastian Kurz von der ÖVP, der die populistische Parole vertritt, Österreich käme zu kurz, liegt in der Wählergunst ganz vorn. Bilder >
Sebastian Kurz von der ÖVP, der die populistische Parole vertritt, Österreich käme zu kurz, liegt in der Wählergunst ganz vorn. Bild: Georg Hochmuth (APA)

Man stelle sich vor, neun Tage vor der Bundestagswahl wäre Angela Merkel in einem, sagen wir, von der „F.A.Z“ organisierten Chat online gefragt worden, ob sie denn bei all dem Wahlkampfirrsinn „eigentlich noch Zeit zum Durchatmen“ habe – und sie hätte geantwortet: Ja, schon. Wie spät es am Abend auch wird, ich trinke immer noch ein Glas Wasser mit meinem Mann. Typisch, hätte man gedacht. Und sich Angela Merkel und Joachim Sauer am Küchentisch vorgestellt, wie sie sich mit Gläsern in Zahnputzformat zuprosten – und definitiv wäre das imaginierte Wasser darin komplett kohlensäurefrei gewesen und maximal lau.

Nun lässt sich die Kanzlerin nicht zu Chats herab, und über das, was sie spätabends mit Joachim Sauer macht, schweigt sie eisern. Ihr Kollege aus Österreich aber, Christian Kern von den Sozialdemokraten namens SPÖ, hat jüngst im Chat der „Presse“, der drittgrößten Tageszeitung des Landes, Ausrichtung bürgerlich-liberal, exakt diese Antwort gepostet – endend natürlich auf „mit meiner Frau“. Und wenn sie sich an diesem 6. Oktober kurz nach elf am Vormittag in der Kampagnenzentrale von Kerns stärkstem Herausforderer Sebastian Kurz nicht vor Lachen auf die Schenkel gehauen haben – dann tun sie es niemals mehr in ihren Leben.

Student ohne Abschluss

Grundsätzlich ist in Österreich vieles anders als hierzulande; in diesem Wahlkampf aber alles. Als allereinzige zarte Ähnlichkeit kann durchgehen, dass Kurz wie Martin Schulz sehr knapp vor der Wahl Vorsitzender des kleineren Partners der regierenden Koalition geworden ist, der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP); und dass er, wie Schulz, selbst einziehen will in das Kanzleramt, das in diesem Fall am Wiener Ballhausplatz steht. Anders als Schulz aber sagen die Demoskopen Kurz beste Chancen voraus. In der letzten vom Boulevardblatt „Österreich“ veranlassten Umfrage wollten 34 Prozent Kurz als Kanzler, 28 Kern und 26 Heinz-Christian Strache, den Chef der rechtspopulistischen FPÖ. 62 Prozent sahen Kurz und die ÖVP als Wahlsieger, 40 Prozent wünschten sich als künftige Regierung Schwarz-Blau, ein Bündnis also von ÖVP und FPÖ.

Falls es so kommt, will sich Österreich von einem 31-jährigen einstigen Jura-Studenten ohne Abschluss regieren lassen, der – wie vor einem Monat der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß schrieb – „sein ganzes junges Leben als Erwachsener nichts anderes gewesen ist als Politiker“. Unterstützen soll ihn einer mit umfangreich dokumentierter mindestens Nähe zur Neonazi-Szene als junger Erwachsener. „Interessiert niemanden mehr“, finden die Österreicher. Was heißen soll: Das ist Schmutz von gestern.

Schmiergeld-Angebote

Umso lieber ekeln sich die Wähler zwischen Bregenz und Eisenstadt vor dem aktuellen Unflat. In den letzten Wochen vor der Wahl versackt die Republik immer tiefer in einer Wahlkampf-Affäre um gefälschte Social-Media-Seiten, um tatsächliche oder erfundene Spitzeleien und Täuschungen und Schmiergeld-Angebote oder sogar -Zahlungen und durchgestochene Dokumente und E-Mails. Im Auftrag der SPÖ hat der Politikberater Tal Silberstein zwei Facebookseiten betreiben lassen, die sich als Fan-Seiten von ÖVP-Mann Kurz ausgaben, ihn aber radikal, rassistisch und antisemitisch wirken ließen.

Selbst die an politische wie sonstige Skandale jeglicher Größenordnung gewöhnten Österreicher behaupten, eine Schmutzkampagne wie diese hätten sie für absolut unmöglich gehalten. SPÖ-Chef Kern sagt, er habe von nichts gewusst. Für seine Herausforderer aber ist jede neue Enthüllung ein neues Geschenk. In den – anders als in Deutschland – in Serie laufenden abendlichen Fernsehduellen hauen Kurz und Strache Kern den Namen Silberstein um die Ohren und ins Gesicht, wo es nur passt – und wo nicht, erst recht. Die Schlacht der „Slim-Fit-Warrior“ – der jugendlichen Krieger Kurz und Kern mit den schlanken, fitten, perfekten Körpern, auf die vor allem Österreichs Jugend abfährt, wie das Meinungsforschungsinstitut T-Factory im Sommer herausfand – tobt klar unter allen Gürtellinien. Es gäbe – wie in Deutschland – genug wirklich wichtige Themen: Steuern, Bildung, Wirtschaft, Arbeitsplätze. Diskutiert wird der Dreck. Und – wie in Deutschland – die Ausländer- und Flüchtlingspolitik.

„Burkaverbot“ nennt der Volksmund das Gesetz, in dem steht, dass Gesichter nicht verhüllt werden dürfen; pünktlich zwei Wochen vor der Wahl trat es in Kraft. Man kann auf die Idee kommen, die immer noch großkoalitionär aneinander geketteten SPÖ und ÖVP, Kern also wie Kurz, hätten damit nicht Verschleierungen verhindern wollen – sondern einen Erfolg der FPÖ.

Nach dem sieht es dennoch aus; wenn auch nicht nach dem ganz großen. Denn Kurz – der die ÖVP seinem Vorgänger und Noch-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner handstreichartig entwand und zur bonbontürkis angestrichenen „Liste Kurz“ umtaufte – nimmt ähnlich vigilant den Rechtspopulisten ihr bestes Thema ab. Er preist sich als alleinigen Schließer der Balkanroute, mithin als Merkel-Bändiger, er verkauft alte FPÖ-Anti-Ausländer-Parolen davon, wie Österreich zu kurz komme, verbindlich intoniert, als Kurz-Politik: „Stoppen, versorgen, zurückstellen“ werde er Flüchtlinge, wenn er erst Kanzler sei.

Die Hälfte der Österreicher findet, laut „Österreich“, dennoch, dass Kerns SPÖ „den schmutzigsten Wahlkampf führt“. Kern wiederum wirft dem Boulevardblatt, das Schlagzeilen gerne wichtiger nimmt als Recherche und dafür Presserats-Rügen sammelt, „eine beispiellose Hetzkampagne“ vor.

Wer sich da mit einem Glas Wasser begnügt . . . Armes Österreich.

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