20.04.2017 03:00 |

Kritik an Marine Le Pen: Interview mit Philippe Crevel: „Das könnte Europa in eine Handelskrise stürzen“

Meinungsforschern zufolge hat die Rechtspopulistin Marine Le Pen kaum Chancen, zur französischen Präsidentin gewählt zu werden. Doch sagte man das lange auch von Donald Trump. Philippe Crevel, Ökonom und Chef der Forschungsgruppe „Cercle de l’Épargne“, warnt im Interview mit Birgit Holzer vor den wirtschaftlichen Folgen, falls Le Pen siegen und ihre Forderungen nach einem Ausstieg aus der Eurozone umsetzen würde.

Marine Le Pen vor ihren Anhängern im Wahlkampf.
Marine Le Pen vor ihren Anhängern im Wahlkampf. Bild: TESSON/EPA/REX/Shutterstock (Rex Features)

ECHO: Die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Front National schlägt in ihrem Wahlprogramm den Ausstieg aus dem Euro und die Rückkehr zum Franc vor. Was hätte das für Frankreich und die europäischen Partner zu bedeuten?

PHILIPPE CREVEL: Wenn die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Eurozone diese verlassen würde, gäbe das einen systemischen Schock, den die Gemeinschaftswährung vielleicht nicht überstehen könnte. Bei einer Umwandlung in Franc würde dieser um schätzungsweise 30 bis 40 Prozent abgewertet. Die Schulden würden unmittelbar ansteigen, aber auch die Zinsen, wobei Frankreich momentan noch von einem sehr niedrigen Zinsniveau profitiert. Zugleich droht dann auch der Wert des Euro zu sinken. In einer katastrophalen Lage wären zudem die französischen Versicherungen und natürlich die Banken, die von der Europäischen Zentralbank als systemrelevant eingestuft werden: Crédit Agricole, Société Générale und BNP Paribas als die zweitgrößte Bank Europas. Es wäre der Super-Gau für die Stabilität der europäischen Finanzwelt.

ECHO: Wie sähen die Folgen für die Wirtschaft aus?

CREVEL: Ausländische Investoren dürften sich voraussichtlich von Frankreich abwenden und die Preise auf dem Immobilienmarkt durch stark steigende Zinsen einbrechen. Bei Exporten würden die französischen Unternehmen von einem neuen Wechselkurs mit einer Währung, die um mindestens 30 Prozent entwertet wird, zwar profitieren. Doch Importe und damit auch die Produkte müssten deutlich teurer bezahlt werden. Frankreich hat eine negative Außenhandelsbilanz, es führt Energie ein und der Ölpreis würde steigen. Heute handelt Frankreich zu mehr als 60 Prozent mit Ländern der Eurozone. Doch wenn es politisch kein loyaler Partner mehr wäre, erscheint nicht sicher, ob die anderen Länder das akzeptieren oder französische Importe ablehnen würden. Das könnte Europa in eine Handelskrise stürzen.

ECHO: Inwiefern bekämen die französischen Bürger die Folgen zu spüren?

CREVEL: Es wäre ein echter Schock für sie. Die hohen Schulden brächten einerseits die Guthaben und vor allem die Lebensversicherungen der Franzosen in Gefahr. Gerade in der Übergangsphase bis zur Rückkehr zu einer nationalen Währung könnte es zu Liquiditätsproblemen kommen und bei Auslandsreisen von Privatpersonen oder Betrieben zu einer Sperrung ihrer Konten, damit die Banken die Kontrolle bewahren und das Geld nicht ins Ausland abfließt. Die Erhöhung der Preise von eingeführten Gütern und Energie würde sich massiv auf die Kaufkraft der Menschen auswirken.

Philippe Crevel
Philippe Crevel

ECHO: Frau Le Pen tut solche Warnungen als überzogene Droh-ungen ihrer Gegner ab. Wie belegen Sie konkret Ihre Voraussagen?

CREVEL: Als Beispiel lässt sich die Euro-Krise in Griechenland heranziehen, wo die Regierung Konten der Bürger blockieren musste, um zu verhindern, dass diese ihr Geld im Ausland anlegen. Die Kapitalflucht von Sparern und Unternehmen wäre auch in Frankreich ein hohes Risiko. Oder blicken Sie auf die Finanzkrise in Lateinamerika, wo es nach dem Bankrott mehrere Jahre dauerte, bis sich die finanzielle und wirtschaftliche Situation in vielen Ländern wieder stabilisiert hat. Argentinien hat immer noch nicht freien Zugang zu den Finanzmärkten. Freilich wäre der Ausstieg eines Euro-Landes aus der Gemeinschaftswährung eine nie dagewesene Situation. Aber klar ist: Sie wäre dramatisch für alle Beteiligten.

ECHO: Dem widerspricht Marine Le Pen. Sie stellt die monetäre Kontrolle über alles. Außerdem lobt sie die Briten für ihre Brexit-Entscheidung und schlägt ein Referendum über einen EU-Austritt Frankreichs vor, also einen „Frexit“.

CREVEL: Ein Frexit wäre nicht vergleichbar mit dem Brexit, eben weil Großbritannien sich nicht in dem kleinen Club der Euroländer befindet, die durch die gemeinsame Währung wirtschaftlich eng miteinander verflochten sind. Hinzu kommt Frankreichs zentrale Rolle als Gründungsmitglied der EU und Mitglied des Schengen-Raums. Wir kennen die genauen Folgen des Brexit noch nicht, es geht ja nun erst mal in zwei Jahre dauernde Verhandlungen. Aber es lässt sich bereits absehen, dass die wirtschaftlichen Folgen hart werden.

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