13.09.2017 03:30 | Dieter Hintermeier

Politiker trauern parteiübergreifend: Heiner Geißler - Der streitbare Schlichter

Frankfurt In seiner politischen Karriere hat er die Republik erst gespalten, er wurde sogar „Hetzer“ genannt. Später versöhnte Heiner Geißler gegnerische Lager, blieb aber immer eigensinnig. Und hessische Politiker haben ihre eigenen Erinnerungen an ihn.

Als Schlichter um das Bauprojekt Stuttgart 21 fungierte Heiner Geißler (CDU) 2010. Er vermittelte zwischen Befürwortern und Gegnern.
Als Schlichter um das Bauprojekt Stuttgart 21 fungierte Heiner Geißler (CDU) 2010. Er vermittelte zwischen Befürwortern und Gegnern. Bild: Bernd Weißbrod (dpa)

„Er war ein ehrlicher Mensch, der vielleicht am Ende seiner politischen Karriere reparieren wollte, was er im Umgang mit den politischen Gegnern früher einmal falsch gemacht hatte“, meint Willi van Ooyen. Der Frankfurter Linken-Politiker, ehemals auch Fraktionschef seiner Partei im Hessischen Landtag, war gestern bestürzt über den Tod von Heiner Geißler.

Heiner Geißler war ein begeisterter Gleitschirmflieger. Foto: Martina Hellmann (dpa)
Heiner Geißler war ein begeisterter Gleitschirmflieger.

Die Trauer um den CDU-Politiker, der gestern im Alter von 87 Jahren im südpfälzischen Gleisweiler starb, geht über alle Parteigrenzen hinweg. Geißler war ein Politiker mit vielen Gesichtern. So bekämpfte der ehemalige Minister und Generalsekretär seiner Partei in den 1980er Jahren jegliche linken Bestrebungen in der Republik mit scharfer Rhetorik. So hielt er im Rahmen der heftigen Diskussionen um den Nato-Doppelbeschlusses den Friedensbewegten im Bundestag vor, dass „der Pazifismus der 1930er Jahre Auschwitz erst möglich gemacht“ hätte. Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt nannte ihn nach dieser verbalen Attacke „den größten Hetzer seit Goebbels“.

Er rief gern dazwischen

Später wandelte sich der engagierte Sozialpolitiker Geißler vom CDU-Hardliner zum prominenten Unterstützer der kapitalismuskritischen Organisation Attac. Zu Beginn des neuen Jahrtausends machte er aus seinem politischen Herzen keine Mördergrube, als er „Solidarität statt Kapitalismus“ einforderte.

Helmut Kohl schüttelte Geißler die Hand, als dieser 1989 als Generalsekretär der CDU aufhörte. Foto: -- (dpa)
Helmut Kohl schüttelte Geißler die Hand, als dieser 1989 als Generalsekretär der CDU aufhörte.

Kurz vor seinem 85. Geburtstag war es für Geißler Zeit, einmal zurückzublicken. Was er in seinem politischen Leben bedauere, wollten Reporter von ihm wissen. Seine überraschende Antwort: Er hätte noch mehr rebellieren müssen, sagte der Mann, dem seine Zeitgenossen, ob er es selbst wollte oder nicht, das Etikett „Querdenker“ angeheftet hatten. Verdient hatte sich Geißler das wohl, denn auch nach seiner aktiven Zeit als Bundestagsabgeordneter war der Wahl-Pfälzer immer für pointierte und markige Zwischenrufe bekannt. Und die lagen nicht immer passgenau auf christdemokratischer Parteilinie.

Säbel und Florett

Und für diese pointierten Zwischenrufe zollen ihm seine ehemaligen politischen Gegner auch nach seinem Tod Respekt. „Heiner Geißler war ein stets streitbarer und eigensinniger Politiker, der gerade während seiner Zeit als Generalsekretär der CDU den Säbel dem Florett vorzog. Die aufkommende Umwelt- und die Friedensbewegung und auch wir Grüne hatten es anfangs nicht leicht mit ihm“, erinnern die Vorsitzenden der hessischen Grünen, Daniela Wagner und Kai Klose, an Geißler. Beeindruckend sei an ihm gewesen, dass er sich in späteren Jahren „aus tiefer christlicher Überzeugung gegen radikalen Marktliberalismus und für ökologische Belange“ eingesetzt habe.

Der CDU-Politiker diskutierte 2011 mit auf einem Podium unserer Zeitung. Foto: Kammerer, Bernd (.)
Der CDU-Politiker diskutierte 2011 mit auf einem Podium unserer Zeitung.

Nicht nur das. Geißler stand noch einmal im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, als er beim Konflikt um den Ausbau des Stuttgarter Tiefbahnhofs zum umsichtigen Schlichter avancierte.

Heiner Geißler habe außerdem große Glaubwürdigkeit weit über seine Partei hinaus erlangt und gezeigt, dass Politik einen klaren Kompass brauche. Der CDU-Politiker Geißler habe das vorgelebt, so die Hessen-Grünen. Oliver Strank, Frankfurter Bundestagskandidat der SPD, attestiert Geißler, ein Vorbild für alle Politiker zu sein, die sich im aufreibenden politischen Betrieb ihren eigenen Kopf bewahren wollen.

Diesen eigenen Kopf hatte sich Geißler auch in der Flüchtlingspolitik bewahrt. „Nächstenliebe ist keine Gefühlsduselei und kein Gutmenschentum, sondern eine Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind“, sagte der CDU-Politiker und schlug Kanzlerin Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik für den Friedensnobelpreis vor.

Herz für Minderheiten

Minderheiten lagen Geißler während seines politischen Lebens immer am Herzen. „Anstatt Sinti und Roma vom Balkan, die bei uns Zuflucht suchen, in ihr Elend zurückzuschicken, sollte man vielleicht lieber Dschihadisten, Islamisten, Anhänger des Islamischen Staates, Salafisten und Hassprediger ausweisen. Die halten ja vom Grundgesetz gar nichts und wollen es durch die Scharia ersetzen“, so Geißler während eines Interviews.

Tom Koenigs, Grünen-Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Menschenrechtspolitik, gefallen diese späten Einsichten von Geißler. In den Anfängen seiner politischen Laufbahn waren sich beide nicht „grün“, bekennt Koenigs, der sich im Nachhinein aber darüber freut, dass Geißler sich „später so verändert habe“.

Der Linken-Politiker Willi van Ooyen hat Geißler im Rahmen der Sozialforums-Bewegung, die Anfang der 2000er Jahre in Florenz ihren Ursprung nahm, näher kennengelernt. „Wir haben mit ihm diskutiert, was soziale Gerechtigkeit bedeutet“, erinnert sich van Ooyen. Dabei ist ihm noch etwas an Heiner Geißler aufgefallen. „Er war ein sehr nachdenklicher Mensch.“

dfg f dgh tg

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