21.04.2017 03:30 |

Präsidentschaftswahl in Frankreich: Die Franzosen sind verunsichert

Paris Vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl am Sonntag liegen vier Kandidaten laut Umfragen nahe beisammen – der Ausgang erscheint ungewiss, viele Menschen sind noch unentschlossen. Andere wissen, wen sie unterstützen – aus sehr verschiedenen Gründen.

Anhänger der Rechtspopulistin Marine Le Pen in Marseille. Dass die Politikerin einen großen Zulauf hat, ist kein Wunder.
Anhänger der Rechtspopulistin Marine Le Pen in Marseille. Dass die Politikerin einen großen Zulauf hat, ist kein Wunder. Bild: PAUL DURAND/EPA/REX/Shutterstock (Rex Features)

Charlotte hatte eine Vision. Halb im Scherz erzählt sie davon während der Mittagspause in einem Asia-Imbiss in Paris. „Plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge: Macron, Macron, Macron. Da war mir klar: Er wird gewinnen.“ Ihre Kollegin Lydia schüttelt den Kopf: „Du arbeitest zu viel!“

Charlotte kümmert sich als Info-Grafikerin bei der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ um die Schaubilder zu Umfragen vor der Präsidentschaftswahl – und stößt dort täglich auf den unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron als Spitzenreiter. Ihre Vorahnung stammt also nicht von ungefähr. Lydia wiederum überzeugt der Linksliberale nicht: „Das ist doch reines Marketing. Bei seinen Reden reiht er nur Phrasen aneinander.“

Dennoch hat der erst 39 Jahre alte Macron gute Chancen, die erste Runde der Präsidentenwahl an diesem Sonntag zu überstehen und die Stichwahl am 7. Mai zu erreichen. Meinungsforschern zufolge liegt Macron zwischen 22 und 25 Prozent, mal gleichauf mit der Rechtspopulistin Marine Le Pen, mal einen Hauch vor ihr. Um den dritten Platz kämpfen demnach der Republikaner François Fillon und der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon mit jeweils rund 19 Prozent der Stimmen. Mélenchon, der eine radikale Umverteilung von Reichtum verspricht, hat zuletzt spektakulär aufgeholt.

Doch wie verlässlich sind Umfragen? Bei den Vorwahlen der Republikaner und der Sozialisten setzten sich mit Fillon und Benoît Hamon überraschend Außenseiter durch, die nun beide zu scheitern drohen. Dem wenig charismatischen Hamon gelang es nicht, seine Ideen von einem bedingungslosen Grundeinkommen bis zu einer Reduzierung der Arbeitszeit glaubwürdig zu erklären. Fillon macht sich nicht nur Feinde mit einem harten Reform- und Sparprogramm – es reicht von der Erhöhung der Mehrwertsteuer bis zur Kürzung von 500 000 Beamtenstellen. Nach den Vorwürfen der Scheinbeschäftigung seiner Frau und seiner Kinder wendeten sich selbst viele aus dem eigenen Lager von dem 63-Jährigen ab.

„Es ändert sich nichts“

So erscheint der Ausgang offen, zumal jeder vierte Wähler laut Umfragen noch nicht weiß, wem er seine Stimme geben soll – wenn überhaupt. „Kein einziger Kandidat überzeugt mich, und für mein konkretes Leben ändert sich eh nichts“, sagt ein junger Kellner in einer Pariser Bar. Wie viele ist er angewidert von einem Wahlkampf, der von Skandal-Enthüllungen geprägt war, während inhaltliche Debatten untergingen.

„Man fühlt sich verloren, und ich brauchte lange, um mich zu entscheiden“, gesteht Christine aus dem bürgerlichen Pariser Vorort Charenton-le-Pont. „Aber wenn ich mir die Programme ansehe, glaube ich, dass Fillon am besten dafür geeignet ist, Frankreichs Wirtschaft wieder aufzurichten. Er zitiert oft den Reformmut von Deutschland als Beispiel – da läuft es doch wieder besser? Na also!“ Und die Vorwürfe der Selbstbereicherung betreffen ihrer Meinung nach nicht nur Fillon, sondern viele andere Politiker auch: „Die machen das doch eh alle!“

Dass die gesamte Politikerriege korrupt sei, ist auch ein Argument der Rechtspopulistin Le Pen – die freilich verschweigt, dass die Justiz auch gegen den Front National ermittelt, der eigene Angestellte der Partei mitunter von Brüssel als Mitarbeiter von EU-Abgeordneten bezahlen ließ. Vor allem jüngere Wähler sind der 48-Jährigen zugetan, die sich zum Sprachrohr des Volks und der „kleinen Leute“ macht, soziale Wohltaten und einen Kampf gegen die verhassten Eliten verspricht. Zugleich gilt es als unwahrscheinlich, dass sie über die Stichwahl hinaus wirklich gewinnen kann. Denn eine Mehrheit lehnt ihre antieuropäischen und einwandererfeindlichen Parolen weiterhin ab.

Diese hat Le Pen in den letzten Tagen besonders oft wiederholt, um ihre Kernwählerschaft zu mobilisieren: „Immigration ist Unterdrückung“, rief sie am Mittwochabend in der Hafenstadt Marseille, wo gerade zwei Verdächtige festgenommen wurden, die offenbar kurz vor einem Terroranschlag standen: „Das Gift des radikalen Islamismus muss ausgerottet werden!“

Zuspruch für Populistin

Mit dem scharfen Tonfall und dem rechtsnationalen Gedankengut steht die 48-Jährige klar in der Linie ihres Vaters, des Parteigründers Jean-Marie Le Pen. Trotzdem hat sie mit ihm gebrochen: Er war einfach zu radikal für ihre Strategie der „Entdämonisierung“, mit der sie die Partei zu einer nie dagewesenen Stärke führte. Ihren Anhängern erscheint sie längst wie eine normale Politikerin. Oder sogar als die einzige, die offen ausspricht, was viele denken. „Die nationale Priorität finde ich gut: Warum sollen Sozialleistungen, Wohnungen oder Jobs an Ausländer vergeben werden, wo die Franzosen leiden?“, sagt Charles, ein junger Verkäufer aus Nordfrankreich. Mit Rassismus habe das nichts zu tun. Außerdem schäme er sich nicht dafür, dass er sein Heimatland liebe: „Marine wird Frankreich wieder groß und stark machen.“ Dass Le Pen den US-Präsidenten Donald Trump bewundert, ist kein Geheimnis.

Welcher Kandidat einem verunsicherten Land wieder Mut machen kann, das ist allerdings die große Frage. „Frankreich ist wie eine alte, müde Frau, die wieder verführt werden will“, sagt der Fotograf Hervé. „Sie entlarvt die falschen Versprechen von Le Pen oder Mélenchon, sie mag Fillon nicht mehr sehen. Aber sie weiß auch nicht, ob sie Macron vertrauen kann – oder ob er ein Hallodri ist, der ihr nur schöne Augen macht.“

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