13.09.2017 03:30 | Dierk Wolters

Klar, Optimisten haben’s besser – Aber haben Sie auch recht?: Sollen wir wirklich positiv denken?

„Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt ein altes Sprichwort. Wirklich? Und ist das nicht eine „Selber-schuld“-Ohrfeige für alle, denen es schlecht geht?

Es gibt viele gute Gründe, beim Nachdenken über die Welt melancholisch zu werden wie dieser Mann in Edvard Munchs Gemälde. Der beste Weg ist das trotzdem nicht. Abbildung: Archiv
Es gibt viele gute Gründe, beim Nachdenken über die Welt melancholisch zu werden wie dieser Mann in Edvard Munchs Gemälde. Der beste Weg ist das trotzdem nicht. Abbildung: Archiv

Die Welt versinkt im Chaos: gigantische Wetterkatastrophen, irre Diktatoren, Hunger, zynische Menschenverachtung und Kriege überall. Wer da noch sagt, er denke positiv, steht unter dringendem Naivitätsverdacht. Man muss schon sehr schlicht gestrickt sein oder sich die Scheuklappen gar nicht mehr abziehen, um so viel Elend zu ignorieren. Denn schlimmer kann es kaum kommen, oder?

Die Wahrheit liegt ganz offensichtlich beim Pessimisten: Lösungen für die Probleme dieser Welt sind nicht in Sicht, längst schon leben wir in einem Zeitalter, in dem wir die Brände bekämpfen, an ihren Ursachen aber nichts mehr ändern können.

Es sind zwei unvereinbare Sichtweisen, die einander gegenüberstehen. Die einen rufen: Lasst uns die Welt besser machen, wir müssen es nur anpacken! Die anderen sagen: Die Lage war noch nie so aussichtslos wie heute! Welche Geisteshaltung ist ehrlicher? Wer hat recht? Ein Dilemma, wie es moderner nicht sein könnte.

Ein Erdbeben in Lissabon

Doch wer in die Geschichte blickt, wird rasch feststellen: Dieser Streit ist nicht neu. In Europa brandete er mit voller Wucht in der Mitte des 18. Jahrhunderts auf, und zwar bezeichnenderweise nach einer Naturkatastrophe bis dato unvorstellbaren Ausmaßes: Im Jahr 1755 bebte die Erde in Lissabon, riss meterbreite Spalten in den Grund. Unzählige Gebäude stürzten ein. In der Folge kam es zu verheerenden Bränden. Die Stadtbewohner flohen in den Hafen. Dort war das Meer verschwunden – um eine dreiviertel Stunde später mit voller Tsunami-Gewalt zurückzukehren und die Stadt zu überspülen. Bis zu 100 000 Menschen starben. Welcher Gott konnte solch eine grausame Katastrophe zulassen?

Diese Frage war explosiv. Denn die Epoche der Aufklärung stand im Zenit. Die Menschen stützten sich auf ihre Vernunft. Und gerade, als sie begonnen hatten, sich als freie Wesen zu begreifen, die ihr Schicksal selber in der Hand hatten, keinen undurchsichtigen Weltläuften unterworfen, bebte die Erde. Gottfried Wilhelm Leibniz, Urvater der Aufklärung, hatte in seiner „Theodizee“ 1710 doch postuliert, die Welt sei die beste aller möglichen.

Die beste aller möglichen? Die Widersacher des Philosophen spotteten über die Verkrampftheit, mit der sich hier einer anmaßte, sich eine evident schreckliche Welt schönzudenken. Das Lissabonner Erdbeben gab ihnen reichlich Munition. Leibniz’ bester Feind wurde Voltaire. Mit „Candide“ schrieb der Franzose 1759 eine ebenso erfolgreiche wie drastische Satire, in der seine Hauptfigur die Hölle dieser besten aller möglichen Welten erfährt und dabei jeglichen Optimismus verliert. Drei Jahre zuvor schon hatte Voltaire auf die Naturkatastrophe mit dem polemischen Gedicht „Das Erdbeben von Lissabon oder Prüfung des Satzes ,Alles ist gut‘“ reagiert.

Zahlreiche Denker haben in diesem Streit seither Partei ergriffen, von Rousseau bis Horkheimer und Adorno, in zahlreiche philosophische Spezialdisziplinen hinein hat er sich verästelt: Mal geht es um die teleologische Frage, ob die Welt grundsätzlich immer besser wird (wie es Hegel und Marx annahmen), mal um die moralische, ob der Mensch von Natur aus gut sei, oder ob er nur durch Regeln zu einem sozialen Wesen gezähmt werden könne, wie der Staatstheoretiker Hobbes zuvor behauptet hatte. Immer steht dahinter die sehr grundsätzliche Frage: Ist es legitim, Optimist zu sein – auch in einer Welt, die ihre Schrecklichkeit täglich neu beweist? Und immer steht der Positiv-Denker unter dem Generalverdacht, für sein gutes Gefühl die Wahrheit preiszugeben. In Gestalt von Motivationstrainern hat die Gegenwart die geistige Schrumpfform dieser Haltung auf die Bühnen gehievt. Sie stehen in ausverkauften Hallen und rufen einer grundlos begeisterten Masse zu, dass jeder es schaffen könne, wenn er nur wolle und ganz fest an sich glaube. Die Masse brüllt selbstberauscht mit.

Die Verzauberungs- und Verzückungsformeln, die diesem Phänomen zugrundeliegen, beruhen auf der einfachen und längst psychologisch bewiesenen Gewissheit, dass nur, wer an seine Sache glaubt, auch andere überzeugen kann. Na und, was ist falsch daran, wenn es doch funktioniert?, fragt der Optimist. Und der Pessimist antwortet: Aber siehst du nicht, wie die Welt den Bach runtergeht? So wird der Glaube an das optimistische Denken zum Beweis seines Funktionierens, ohne dass es sich damit je aus der Trivialitätsfalle befreien könnte. So sehr man auch in der Argumentationskiste dieser zweieinhalb Jahrhunderte alten Diskussion wühlt, ein Sieger mit klar überlegenem Standpunkt ist aus dem Streit bisher nicht hervorgegangen. Auch deswegen spricht manches dafür, zunächst Nutzenerwägungen voranzustellen. Und da hat eindeutig der Positiv-Denker die Nase vorn – auch wenn mancher Pessimismus-Nörgler ihm Kurzsichtigkeit vorwerfen wird. Doch gerade die mag seine Stärke sein.

Das Beste versuchen

Denn während der Pessimist eher das Weltganze im Auge hat, nimmt der Optimist die nächstmögliche Aufgabe in den Blick. Er verzagt nicht vor dem Großen und Ganzen, sondern konzentriert sich darauf, das nächste Hindernis zu überwinden, wohl wissend, dass danach noch eines und noch eines folgt. Er ähnelt somit Sisyphos, dem unentwegten Steineroller, dessen Heldentum darin besteht, dass er weiß, dass sein Job nie zu Ende geht. Wer in diesem Sinne positiv denkt, versucht das Beste, obwohl er um die Grenzen seiner Möglichkeiten weiß. Anders als in jenen Hallen, in denen das kurzatmige Geschrei der Selbstoptimierer jede Vernunft übertönt, ist die Haltung des aufgeklärten Positiv-Denkers Demut, nicht Hochmut. Sie gründet nicht im blinden Optimismus, der glaubt, alles sei oder werde gut, sondern in einer tatkräftigen Hoffnung. Diese Art, positiv zu denken, kommt zum Ausdruck etwa in Martin Luther Kings „I have a dream today“ und findet ihren Nachhall noch in Barack Obamas „Yes, we can“. Positiv zu denken heißt nicht, ultimative Glücks-Utopien wider allen Augenschein zu behaupten. Sondern den festen Glauben nicht zu verlieren, dass es ein Stückchen besser schon noch geht.

Lektüretipp

Sandra Richter: „Lob des Optimismus. Geschichte einer Lebenskunst“. Beck’sche Reihe, 176 Seiten,
11,95 Euro

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