18.05.2017 03:30 | Sabine Kinner

Dokumentarfilm „Beuys“: Schamane mit großem Gefolge

Andres Veiels Dokumentarfilm „Beuys“ erinnert an den „Fett-und-Filz-Künstler“ mit dem Hut, der auch an der Frankfurter Städelschule lehrte.

Joseph Beuys zeichnet während eines Gesprächs an der Staatlichen Kunstakademie  Düsseldorf seine Gedankengebilde auf den Boden.
Joseph Beuys zeichnet während eines Gesprächs an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf seine Gedankengebilde auf den Boden. Bild: zeroonefilm (bpk Stiftung Schloss Moyland Ute)

Es muss im Jahr 1980 gewesen sein. Joseph Beuys hatte eine Gastprofessur an der Frankfurter Städelschule, und nun sollte er einen Vortrag an der Frankfurter Universität halten. Da mussten die Städelschüler natürlich unbedingt hin. Die Soziologiestudenten ebenfalls. Und auch die vielen anderen, die schon gehört hatten von diesem Kunst-Schamanen mit dem großen Gefolge. Hunderte drängten sich jetzt in dem überfüllten Saal, um dabei gewesen zu sein, wenn er die Stimme erhob und sprach.

Jeder Mensch ein Künstler

Der Schamane schritt gemessen auf und ab, gekleidet in Jeans, Anglerweste und schwere Stiefel. Er sah aus wie ein verschrobener Student im 35. Semester, schwang beim Reden die rechte Hand mit einem Stück Kreide, als wolle er Gedankengebilde in der Luft skizzieren, und redete ohne Punkt und Pause. Es ging um die Kunst als solche und um den Glauben, dass jeder Mensch ein Künstler sein könne. Alles lauschte und johlte. Niemand widersprach. Obwohl den Herren Professoren damals oft widersprochen wurde. Aber hier war einer, der von der Obrigkeit gestürzt und entlassen worden war, an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er gegen Beamtenrecht verstoßen hatte, weil er abgelehnte Studienbewerber einfach in seine Klasse geholt hatte. Seither gehörte Joseph Beuys aus Kleve am Niederrhein zu jenen Gestalten der Gegenwart, die ihre Bedeutung mindestens so sehr aus der Ergebenheit ihrer Bewunderer beziehen wie aus ihrem eigenen Werk und Wirken.

Wie Beuys durch seine messianische Nähe zu seinen Kunstjüngern regelrecht zur Heiligenfigur wurde, zeigt sehr unmittelbar der Dokumentarfilm von Andres Veiel. Er folgt dem Künstler durch die 50er, 60er, 70er und 80er Jahre, zwar nicht nach Frankfurt, aber in andere Städte, durch Krisen und Krankheiten, Austellungshallen und Galerien, bis hin zum großen Erfolg im Guggenheim-Museum New York. Von dort kehrt der Film zurück nach Deutschland, durchquert den schamanischen Anti-Kapitalismus von Beuys, beobachtet dessen Kandidatur für die Partei der Grünen und begleitet ihn weiter über das unbeackerte Feld des erweiterten Kunstbegriffs, vorbei an Fett und Filz und Honig und Hasenfell, den erwählten Materialien der Beuys-Schöpfungen, die von Politikern als „Sperrmüll“ und von Putzfrauen als „Abfall“ verkannt wurden.

Es enttäuscht allerdings, wie einseitig Andres Veiel den Maler, Grafiker, Bildhauer und Aktionskünstler zeigt und dessen Umstrittenheit außer Acht lässt. Ausgerechnet der studierte Psychologe Veiel, der in seinem sensationellen Film „Black Box BRD“ über den Bankier Alfred Herrhausen bewiesen hat, wie viel Überraschendes er aus einem Menschenleben filmisch herausholen kann, hat hier nichts Neues oder Eigenes zu erzählen. Eine Chance dafür wären etwa jene Zweifel an der Flugzeug-Absturz-Legende gewesen, die nach dem Tod von Beuys (1986) aufkamen: War er tatsächlich als Funker im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet von Krim-Tartaren gepflegt worden, wie er behauptet hatte? Wie verhielt es sich mit der angeblichen Kopfverletzung unter seinem Hut? Und was ist mit den Vorwürfen, Beuys habe als Vertreter der Rudolf-Steiner-Lehre völkisches Gedankengut gepflegt?

Blitzschlag mit Hirsch

Nichts davon klingt an in den dokumentarischen Bildern und Filmausschnitten oder in den Lobreden der gebannten Freunde, Unterstützer, Weggefährten. Einmal nur öffnet sich ein schmaler Spalt und wirft ein anderes Licht auf den Künstler: Seine frühere Wirtin erzählt, er habe sich als junger Mann mit Depressionen in seinem Zimmer eingeschlossen.

Heute ist das Werk von Joseph Beuys über die ganze Kunstwelt verteilt. Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst gehört sein „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ zur Sammlung. Unter den Fachleuten wird die Hinterlassenschaft des „Fett-und-Filz-Künstlers“ hoch bewertet. Und welchen Nachruhm genießt der Schamane sonst? Andres Veiel spricht fasziniert von dem „Hasen in Beuys“. Aber was tut ein Hase? Er schlägt Haken. Er läuft kreuz und quer. Ein Hase ist nicht zu fassen. Annehmbar

 

Frankfurt: Cinema, Mal seh’n

 

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