21.04.2017 03:30 | Michael Kluger

Frankfurter Schauspiel-Intendant nimmt Abschied und blickt zurück: Oliver Reese: "Es waren acht glückliche Jahre"

Acht Jahre hat Oliver Reese das Schauspiel am Willy-Brandt-Platz geleitet. Zum Ende der Spielzeit wechselt er ans Berliner Ensemble. Ein Verlust für Frankfurt.

Gute Arbeit: Intendant Oliver Reese gestern im Foyer des Frankfurter Schauspiels. Zur nächsten Spielzeit wechselt er nach Berlin.
Gute Arbeit: Intendant Oliver Reese gestern im Foyer des Frankfurter Schauspiels. Zur nächsten Spielzeit wechselt er nach Berlin. Bild: Salome Roessler

Natürlich ist an diesem Donnerstagvormittag der Himmel blau über Frankfurt. Die Sonne scheint ungetrübt, ihr Licht bricht sich in den Fenstern des Bankenturms gegenüber. Man ist geblendet. Es stimmt: Oliver Reese hat ein Gespür für gelungene Inszenierungen.

Der Intendant des Schauspiels sitzt in der Panorama-Bar des Theaters am Willy-Brandt-Platz und zieht Bilanz. „In Berlin interessiert sich niemand für Bilanzen“, sagt er. „Da wird man nicht schön begrüßt und auch nicht schön verabschiedet.“ In Frankfurt ist das anders.

Reese weiß das. Denn bevor er in die Goethe-Stadt kam, war er Chefdramaturg am Berliner Gorki-Theater, danach am Deutschen Theater, das er als Interimsintendant auch geleitet hat. Jetzt geht Reese, der eigentlich aus der Nähe von Paderborn stammt, zurück in die Hauptstadt. Zur nächsten Spielzeit übernimmt er (Jahrgang 1964) vom alt und grantig gewordenen Claus Peymann die Brecht-Bühne am Schiffbauerdamm: das Berliner Ensemble, eines der mythischen Theaterhäuser in Deutschland. In Frankfurt versteht es jeder, dass Reese wechselt, weil für einen Theatermacher das BE ein Traum ist. Claus Peymann versteht es nicht.

Zuschauerrekord

Peymann hält Reese für ein kleines Licht, für einen dieser rechtschaffen-soliden Stadttheater-Verweser, denen das Genie eines Claus Peymann fehlt. Das hätte Peymann wahrscheinlich auch über Brecht gesagt, wenn der seinen Job übernommen hätte. Jetzt ist es aber eben Reese, der natürlich kein Brecht ist, aber in Frankfurt beinah wie einer verehrt wird.

Das hat damit zu tun, dass es Reese gelungen ist, das Haus wieder zu einem Mittelpunkt der Stadt zu machen. Seine Vorgängerin Elisabeth Schweeger hatte das auch versucht. Es war ihr aber nicht gelungen. Stattdessen vertrieb sie das Publikum. Dabei war das Programm der beiden gar nicht fundamental anders. Nur die Reihenfolge.

Schweeger gab in ihrer ersten Premiere Peter Greenaway Gelegenheit zu einem überkandidelten Experiment. Reese versicherte sich zur Eröffnung seiner Intendanz 2009 der ganzen schicksalhaften Macht der Antike und ließ Michael Thalheimer „Ödipus/Antigone“ von Sophokles auf die Bühne wuchten. Schweeger war zum Ende ihrer Amtszeit bei Tschechow angekommen. Da interessierte sich aber keiner mehr dafür. Reese feuerte die zugkräftigen Stücke zu Beginn ab und erweiterte die Grenzen seines Theaters mit den Jahren immer mehr, drang stets weiter vor in die Gegenwart und ins Politische. Das war klug. Das Publikum saß selbst zähste Zeitgenossen aus.

Unter Reese verdoppelte sich die Besucherzahl des Schauspiels im Vergleich zur Zeit der Wienerin. Zuletzt kamen 190 000 Zuschauer im Jahr, einsamer Rekord in Frankfurt. In den acht Reese-Jahren sahen 1,375 Millionen Leute mehr als 250 Stücke in weit über 5000 Vorstellungen. Dass Reese in Frankfurt gemocht wird, sogar vom trübseligsten Ignoranten der Kommunalpolitik, verdankt sich auch solchen Zahlen. Dass man ihn am Main nicht in den Theateradelsstand erhebt, liegt nur daran, dass es keinen gibt. Unter Oliver Reese ereignete sich nie der übliche Knatsch. Sowas fand er albern. Vor allem aber: Er hat mit seinem Haus nie ein Defizit gemacht, nicht das geringste. Im Gegenteil: Er hat die Eigeneinnahmen auf rund 3,2 Millionen Euro 2015/16 gesteigert. Ein Zuwachs um 150 Prozent seit Amtsantritt. Da wird jeder Kämmerer schwach und lässt sich selbst „Faust II“ gefallen.

Und doch: Eine Krise gab es. Als die Stadt der Kultur ein unerfüllbares Sparprogramm verordnete und das Schauspiel plötzlich eine Million weniger hatte. „Da habe ich mich juristisch beraten lassen“, sagt Reese. Er wollte gehen. Und blieb.

„Es waren acht glückliche Jahre in Frankfurt“, sagt Reese an diesem Vormittag in der Panoramabar, in die das gespiegelte Sonnenlicht vom Bankenturm gegenüber fällt. Es klingt weder aufgesetzt noch nach wohlfeiler Schmeichelei der lokalen Seele, die Reese ohnehin bald gleichgültig sein kann. Er klingt wie jemand, der überzeugt ist, gute Arbeit geleistet zu haben: nicht um des Ruhms und der Ehre, sondern um der Sache willen. Das Merkwürdige ist: Reese hat sich in den acht Jahren kaum verändert. Viel schmaler konnte sein Gesicht sowieso nicht werden. Zwar trug er zwischendurch Bart. Doch der ist wieder ab, Reese indes der quirlige Hansdampf geblieben, der er anfangs war, als er zum ersten Mal mit dem Rad vorfuhr. Noch immer ist er in seinem Enthusiasmus nicht zu bändigen, wenn er so prononciert und lebendig vom Theater spricht, seinen Menschen und den wunderbaren Stücken. Reese scheint tatsächlich zu glauben, dass die Schauspielerei die wichtigste Hauptsache der Welt ist. Vielleicht deshalb glauben es auch andere, wenn er ihnen erzählt, warum dieser „Kaufmann von Venedig“, dieser „Danton“ oder dieser Moment, als Marc Oliver Schulze als König Ödipus mit diesem schaurigen „Klackklack“ auf die Bühne kam, so groß- und einzigartig waren. Josefin Platt zum Beispiel, die diese pralle, lebensgrößenwahnsinnige, traurige Unternehmenschefin in „Königin Lear“ war. „Oliver Reese besitzt die Fähigkeit zu begeistern. Er kann ein Feuer entfachen“, sagt die Schauspielerin.

Eingespieltes Ensemble

Reese hat in Frankfurt das Ensemble zum Helden der Bühne gemacht. Schon durch Vertrag. Wer in Frankfurt in einer Hauptrolle auftreten wollte, tat das nicht als durchreisender Gast. Er musste sich entscheiden, für die Stadt. So entstand ein Kollektiv von Individualisten. Das klingt nur scheinbar paradox. Und: Reese hat Gespür für notwendige Klima- und Temperaturwechsel im Spielplan, für einen Rhythmus der Stücke zwischen alt und neu, intim und großformatig, schnell und laut, leise, langsam, zeitlos, heutig. Das Publikum fühlte sich inspiriert. Es kam.

Nun nimmt Reese Abschied. Bis Ende Juni ist er noch da, dann kommt Anselm Weber aus Bochum. Das Programm führt zurück an den Anfang, zu „Ödipus“. Open-air diesmal, an der Weseler Werft. Am 20. Juni gibt es eine Gratis-Vorstellung fürs Publikum. Ab 1. Mai werden 500 Karten verlost. „Es waren acht glückliche Jahre“, sagt Reese. Auch für Frankfurt. Sagen wir.

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