19.04.2017 03:00 |

Hirnforscher bringt Buch über Meditation heraus: Interview mit Wolf Singer: „Erziehung ist dasWichtigste“

Frankfurt „Jenseits des Selbst“ heißt das neue Werk von Wolf Singer. Es versammelt erneut Gespräche des Neuro-Wissenschaftlers mit dem Buddhisten Mathieu Ricard.

Wolf Singer (74) ist Mediziner und emeritierter Professor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. Heute ist der Hirnforscher Senior Fellow des angegliederten Ernst-Strüngmann-Instituts.
Wolf Singer (74) ist Mediziner und emeritierter Professor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. Heute ist der Hirnforscher Senior Fellow des angegliederten Ernst-Strüngmann-Instituts. Bild: Salome Roessler

In dem Buch „Hirnforschung und Meditation“ trat der Hirnforscher Wolf Singer mit dem Buddhisten Mathieu Ricard 2008 erstmals in einen Dialog über westliche und östliche Erkenntnispraktiken. Immer wieder haben die beiden seitdem das Gespräch gesucht, immer tiefer hat sich Singer mit der Welt des tibetanischen Buddhismus vertraut gemacht. Jetzt ist ein weiterer Band mit ihren Gesprächen erschienen, „Jenseits des Selbst“. Wolf Singer, 1943 geboren, ist einer der renommiertesten Hirnforscher Deutschlands. Lange Jahre war er Direktor der Abteilung für Neurophysiologie am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. 2011 wurde er emeritiert, doch forscht er rastlos weiter. Dierk Wolters hat mit ihm gesprochen.

Herr Singer, Sie sind ein westlich geprägter Hirnforscher, Ihr Gesprächspartner Mathieu Ricard ein praktizierender französischer Buddhist – auch wenn er zuvor selber Molekularbiologe war. Wie haben Sie sich kennengelernt?

WOLF SINGER: Auf zwei unterschiedlichen Wegen. Meine beiden Töchter hatten in London ein Symposium organisiert, zu dem sie ihn eingeladen hatten. Dort bin ich ihm zum ersten Mal begegnet. Bei einem späteren Symposium in Paris, an dem auch Mathieu Ricard teilnahm, erfuhr ich von einem Kollegen aus Amerika, dass bei meditierenden Mönchen hochfrequente Oszillationen in der Hirnrinde auftreten, die denen ähneln, die wir in Frankfurt entdeckt hatten. Das weckte mein Interesse an einer Zusammenarbeit mit Mathieu.

Sie haben Ähnlichkeiten gesehen?

SINGER: Das erkenntnistheoretische Abenteuer hat mich gereizt. Ich hatte die Vermutung, dass manches, was durch kontemplative Praktiken entdeckt wurde, besser mit neurobiologischen Ergebnissen in Einklang zu bringen ist als unser cartesianisches Weltbild.

In „Jenseits des Selbst“ geht es zunächst darum, wie wir, gefangen in unseren Bewusstseinszuständen, zu Erkenntnissen über uns selber gelangen können.

SINGER: Mathieu behauptet, dass es möglich ist, über kontemplative Techniken Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie Wahrnehmung funktioniert.

Das klingt jetzt sehr distanziert. Im Buch findet man weniger Dissens.

SINGER: Wir kommen oft zu den gleichen Schlussfolgerungen, woraus ich schließe, dass die kontemplativen Techniken valide Erkenntnisse vermitteln. Aber wir haben durchaus auch Dissens, vor allem hinsichtlich aller parapsychologischen Phänomene, der Reinkarnation, der Möglichkeit der Gedankenübertragung . . .

Wobei Sie selber ein Beispiel bringen, wie Sie einmal Ihre kleinen Töchter wiederfanden – wider alle Wahrscheinlichkeit und Logik!

SINGER: Da versuche ich aber, eine naturalistische Erklärung zu finden. Ich will nicht ausschließen, dass es solche Phänomene gibt. Aber wenn, dann erschüttern sie unser naturwissenschaftliches System in den Grundfesten. Bis jetzt ist es nie gelungen, solche Phänomene in kontrollierten Experimenten dingfest zu machen.

Dennoch: Erstaunlich oft kommen Sie zu ähnlichen Ergebnissen.

SINGER: Was die Bedingungen der Wahrnehmung angeht, sind wir uns nah. Sowohl der Buddhismus als auch die Neurobiologie gehen davon aus, dass Wahrnehmungen konstruiert sind und die Wirklichkeit anders sein kann, als wir sie wahrnehmen. Die Buddhisten berufen sich dabei auf die nach innen gewandte Erforschung ihrer Wahrnehmungsprozesse. Ricard geht davon aus, dass die Kultivierung inhaltsloser Bewusstseinszustände zu einer objektiveren Wahrnehmung der Realität verhilft. Hier sind wir jedoch unterschiedlicher Ansicht. Für uns ist Bewusstsein immer mit Inhalten verbunden.

Wobei Sie selber auch einmal meditiert haben, im Schwarzwald.

SINGER: Ja, das war ein Crashkurs, vielleicht ein bisschen zu mutig, ein striktes Zen-Regime, acht Stunden am Tag vor der weißen Wand, Atmung zählen, kein Blickkontakt und kein Gespräch. Sich viele Tage lang so zu deprivieren bleibt natürlich nicht ohne Wirkung. Ich habe bemerkt, wie sich Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsprozesse verändern. Das aber hat meine Lehrerin nicht interessiert. Auf die Frage „Was soll ich denn nun erfahren?“ hat sie nur gesagt: „Das werden Sie schon bemerken . . .“ Das Gefühl aus dieser Zeit habe ich nie wieder verloren. Es weiter zu kultivieren, fehlte mir aber das Durchhaltevermögen.

Man muss das auch wollen . . .

SINGER: Ja, und es gibt andere Möglichkeiten, die spirituelle Dimension der Welt zu erschließen. Gar nicht so sehr die zerebrale Gymnastik der Wissenschaft, sondern Musik, Kunst und Literatur.

Im Buch geht es auch darum, wie man zu einem guten Leben kommen kann.

SINGER: Auch da kann man zwischen den Zeilen lesen, dass wir nicht immer einer Meinung sind. Als tibetanischer Buddhist vertritt Mathieu die Ansicht, dass sich bestimmte Verhaltensdispositionen durch Meditation trainieren lassen. Die Grundidee: Ich muss von den vielen emotionalen Reaktionsweisen, die mir zur Verfügung stehen, die negativen wie Neid, Missgunst oder Aggressionen abschwächen und positive Affekte wie Mitgefühl und Nächstenliebe kultivieren. Anders als Mathieu glaube ich aber, dass auch negative Affekte wichtig sind. Man muss manchmal jemanden nicht mögen dürfen!

Über grundlegende Werte aber sind Sie sich einig?

SINGER: Richtig. Es wäre schön, wenn sich alle verhielten wie Gandhi und diese erfahrenen Mönche, aber so ist die Welt leider nicht. Und die alten Kulturen mit vorwiegend buddhistischer Prägung erwiesen sich auch nicht als besonders friedlich.

Welcher wäre denn Ihr Vorschlag für eine bessere Welt?

SINGER: Wir müssen versuchen, wirksamere Erziehungssysteme zu entwickeln. Wie haben vieles ausprobiert – Summerhill, Montessori und Waldorf, das autoritäre deutsche und das durchstrukturierte französische System – aber wir haben nur wenig gesicherte Erkenntnis über die Folgen. Wenn man verstanden hätte, was die Menschen so verführbar macht für vereinfachende populistische Welterklärungen, ließen sich Erziehungsprogramme entwickeln, um Menschen resilienter zu machen gegenüber totalitärem Gedankengut. Mir scheint der Schlüssel wirklich in der Erziehung zu liegen.

Auch bei Ricard geht es ja darum, eine Art von Kern im Menschen zu schaffen, der ihn unanfällig macht gegenüber Verführungen jeder Art, auch politischen.

SINGER: Ja, es geht um die Kultivierung des inneren Kompasses, der einem Sicherheit gibt und einem sagt, wo man hin muss. Das starke Ich bedarf keiner Bestätigung durch Pseudoidentifikationen, wie sie von Ideologien angeboten werden.

Was würde das also bedeuten, wie soll man mit Konflikten umgehen?

SINGER: Ricard sagt, Konflikte führen zu Grübeleien. Man soll lernen, sich nicht in diese zu vertiefen, sondern die unangenehmen Gedanken kommen und gehen zu lassen. Dann verschwindet das Problem. Das mag in manchen Fällen hilfreich sein, aber es genügt nicht für die Auflösung von Konflikten, weder innerer noch äußerer. Wenn mich das Aufkeimen der AfD oder die Möglichkeit, dass Herr Trump Präsident werden konnte, zum Grübeln bringt, ich aber die negativen Emotionen, die Sorgen, kommen und gehen lasse, dann erwächst daraus keine Verpflichtung zum Handeln.

Das wäre dann den Buddhisten vorzuwerfen: Dass sie sich vornehmlich um ihr Seelenheil kümmern, aber nicht genug zu einer Verbesserung der Welt beitragen.

SINGER: Wir Menschen sind Rudeltiere, mit einer sehr starken Tendenz, die In-Group, die eigene Familie, das „Volk“, die Nation zu schützen und sie gegen Out-Groups, gegen das Fremde, zu verteidigen. Und wir verhalten uns dabei schlimmer noch als die Tiere. Wir haben Techniken ersonnen, um Grausamkeiten zu begehen, die in der Evolutionsgeschichte ohne Vorbild sind und finden dafür sogar noch scheinbar moralische Rechtfertigungen. Dieses Gemisch von überkommener Emotionalität, technischen Fertigkeiten und ideologischen Rechtfertigungsstrategien ist fatal. Hier ist die Evolution leider einen Schritt zu weit gegangen.

In Ihrem Buch werden Sie aber nie ärgerlich. Nie sagen Sie: Das musst du doch jetzt mal wirklich einsehen!

SINGER: Mit Mathieu kann man nicht ärgerlich sein. Er ist ein versöhnlicher Mensch, und wenn es zum Dissens kommt, zieht er sich auf seine weisen Gleichnisse zurück, gegen die man schwer ankommt.

Er hat sehr schöne Bilder. Und Sie kontern dann sehr rational.

SINGER: Das geht in seinem Fall, weil er eine naturwissenschaftliche Ausbildung hat.

Sind wir in der westlichen Welt so fasziniert von den buddhistischen Meditationspraktiken, weil uns die Wirklichkeit oft so aufreibt und zermürbt?

SINGER: Idealisieren ist das richtige Wort. Ich glaube, wir haben überhöhte Erwartungen an diese spirituelle Praktik. Oft vermengt sich die redliche Suche nach spirituellen Erfahrungen mit zu großer Heilserwartung.

Was haben Sie die Gespräche mit Ricard gelehrt?

SINGER: Dass ich mit Klauen und Zähnen die Errungenschaften des aufgeklärten Humanismus verteidigen möchte – ohne dabei auf die spirituelle Dimension unserer Existenz zu verzichten. Ich glaube, Spiritualität ist durchaus mit einem naturalistischen Weltbild vereinbar. Mich erschüttert zutiefst, wie schnell und leichtfertig wir im Augenblick dabei sind, diese Errungenschaften zu verraten.

Und was sollen wir tun?

SINGER: Resilienz erwächst daraus, dass man sich die Welt nüchtern anschaut, und dann nach Lösungen sucht. Diese müssen zum einen auf Fakten beruhen und rational begründet sein. Zum anderen müssen sie sich an humanistischen Überzeugungen orientieren – wobei ich glaube, und da bin ich mir mit dem Dalai Lama wieder sehr einig, dass uns da eine säkulare Ethik weiterhilft, die unabhängig von Religionssystemen von allen akzeptiert werden kann. Und dann müssen diese Werte verteidigt werden. Im Moment beobachten wir leider das krasse Gegenteil.

Kommentare


zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Wie viele Zentimeter sind ein Meter?: 

Rubrikenübersicht