11.09.2017 03:00 | Dierk Wolters

Die DDR, welch ein Glück!: Ingo Schulze hat einen durchtriebenen Schelmenroman geschrieben

„Peter Holtz – Sein glückliches Leben, von ihm selbst erzählt“ erzählt von einem, der den Verheißungen des DDR-Sozialismus aufs Innigste glaubt.

Wenn die Lage sehr ernst ist, kann man sich eigentlich nur noch lustig machen. Ingo Schulze hat einen Schelmenroman geschrieben.
Wenn die Lage sehr ernst ist, kann man sich eigentlich nur noch lustig machen. Ingo Schulze hat einen Schelmenroman geschrieben.

Peter Holtz will einfach nur das Richtige tun, so wie Simplicius Simplicissimus, der sich in seiner ganzen Einfalt und Reinheit durch eine Welt schlägt, die man sich schrecklicher kaum vorstellen kann. So wie Cervantes’ Don Quijote, der sich entschlossen in das Abenteuer des Lebens stürzt, mutig allen Gefahren trotzend. Anders als seine berühmten Vorgänger ist Peter Holtz aber nicht vor vielen hundert Jahren geboren, sondern im späten 20. Jahrhundert, zur besten Zeit der DDR. Was immer das heißen mag.

In einem Heim dieses Landes wächst Peter Holtz auf, in der besten aller Welten also, und wenn das nicht alle so sehen, spricht das in Peters Augen nicht gegen das System, sondern eindeutig dafür, dass viele Bewohner dieses Landes offenbar ziemlich vernagelt sind. So sehr, dass sie blind sind für die herrlichen Errungenschaften des modernen Sozialismus. Also gilt es, sie entschieden von ihrem Irrweg ab- und auf den Pfad der sozialistischen Tugend zurückzuführen. Auf diese Pflicht besinnt sich Peter immer wieder, das ist er seinem Land schuldig, obwohl er eigentlich nicht missionieren möchte.

Ingo Schulze wurde berühmt mit seinen Erzählungen „33 Augenblicke des Glücks“ (1995) und „Simple Stories“ (1998). In den Jahren danach hat er sich nicht nur als Erzähler, sondern auch als unbestechlich-kluger und brillanter Essayist und Gesellschaftsanalytiker einen Namen gemacht. Jetzt hat er einen Schelmenroman geschrieben: von einem, der kein Wässerchen trüben kann, der, wie Voltaires Candide, der festen Überzeugung ist, dass die Welt, in der er lebt, die beste aller möglichen ist, auch wenn das niemand um ihn herum erkennen will. Einmal, da sind wir allerdings schon auf Seite 110 angelangt, erläutert er seine zunehmende Irritation: „Wir leben zwar alle im Sozialismus, aber keiner scheint das zu begreifen, einer kapiert, was für ein Glück das eigentlich ist. Manchmal denke ich, es liegt an mir, als wäre ich blind oder taub oder müsste einfach nur aufwachen. Es ist wirklich verhext – als gäbe es die, die so denken wie ich, überall, nur nicht dort, wo ich gerade bin!“

Im Schelmenroman ist es stets so, dass die einsame Hauptfigur auf eine unverständige Gesellschaft trifft – und umgekehrt. Beide können einander nicht verstehen, weil sie die Welt um sich herum vollständig unterschiedlich deuten. Gerade aus dieser prinzipiellen Dissonanz heraus aber entwickeln sich alle heiteren und für den Leser oft erhellenden Momente. Denn der durchschaut die jeweils subjektiven Sichtweisen und hat gehörig was zum Lachen.

So ist das auch mit Schulzes Peter Holtz, der nicht nur dem Sozialismus ostdemokratischer Prägung den Spiegel vorhält, sondern auch jenen, die sich irgendwie mit ihm zu arrangieren versuchen oder gegen ihn opponieren – ob nun in einer Punk-Band oder in christlich-religiöser Opposition. Das Kuriose an Peters Leben ist nun: Ganz gleich, wie unverständig er sich anstellt, er fällt immer auf die Füße. Als ihn eine Jugendband animiert, sozialistische Klassenkampfsongs wie „Sag mir, wo du stehst“ mit stimmbruchkrächzender Stimme ins Mikro zu brüllen, erfindet er quasi zufällig den DDR-Punk. Daraufhin bitten ihn zwei Stasi-Schergen in eine konspirativ verstaubte Wohnung. Sie wollen ihn zur Mithilfe im Dienst der Partei anstiften – was den Überzeugungs-Sozi allerdings so stolz macht, dass er die ihm widerfahrene Ehre, ohne sich Böses zu denken, vor allen potenziell zu Bespitzelnden herausposaunt, und sich somit unbrauchbar macht.

Nach dem Mauerfall

Zumindest für den westlich sozialisierten Leser wirkt das anfänglich etwas langatmig, weil irgendwann klar ist, wie der sozialistische Hase läuft und ein Schelmenroman stets nur in der eindimensionalen und deswegen mit der Zeit monotonen Weltsicht seiner Hauptfigur funktioniert. Doch zur Mitte des Romans hin gewinnt die Lebensgeschichte gehörig an Fahrt. Denn da wandeln sich die Verhältnisse, die Oppositionellen der Ost-CDU wittern Morgenluft, die SED wackelt, und bald auch die Mauer. Es gibt da einen Parteileiter namens Lefèvre, der unschwer an Lothar de Maizière erinnert, und auch eine Pressesprecherin, bei der man nicht umhin kann, an Angela Merkel zu denken. Schließlich fällt der antifaschistische Schutzwall, und mit dieser Entwicklung gewinnt Peter, inzwischen glücklich mit einer Petra liiert, neue Einsichten: Christentum und Sozialismus sind keine feindlichen, sondern geistesverwandte Gesinnungen.

Als dann der Kapitalismus auch in der einstigen DDR seine systemische Allmacht behauptet, ist Peter Holtz wie von Zauberhand wieder auf der Seite der glücklichen Gewinner. Denn zu DDR-Zeiten hatte sich der reine Tor dazu hingegeben, mehrere Häuser als Geschenk anzunehmen – kein kleines Opfer damals. Zur Miete hätte er viel unbeschwerter wohnen können. Nun aber gewinnt dieser Immobilien-Ballast immens an Wert – und Peter ist mit einem Mal vielfacher Millionär. Wer aber Geld hat, muss investieren. Der Kapitalismus lässt einem gar keine andere Wahl.

Schon als Essayist hat sich Ingo Schulze funkelnd über die Rolle des Geldes im Kapitalismus geschrieben, unter anderem in den fulminanten Bänden „Unsere schönen neuen Kleider“ und „Was wollen wir?“. Darin nahm er unter anderem Angela Merkels Formulierung von der „marktkonformen Demokratie“ aufs Korn und auseinander. Die Ökonomisierung aller Lebenslagen – wohin führt sie? Das ist auch jetzt sein großes Thema.

Wohin mit all dem Geld?

In „Peter Holtz“ packt Schulze all seine Überlegungen in eine Geschichte, die überbordet vor Witz. Heiratsschwindler und Kartelle bekommen ihr Fett ebenso weg wie Banken, Spekulanten, Kunsthändler und andere Auswüchse der kapitalgesteuerten Have-Fun-Gesellschaft.

Zugegeben: Dass im Schelmenroman alles jederzeit transparent und einfach sein muss wie die Sicht seiner Hauptfigur, trägt dem Roman manche Längen ein. Sobald es einen Tick komplizierter zu werden droht, nimmt Schulze mit einem Dialog-Einwurf wie „Entschuldigen Sie, das habe ich nicht verstanden“ sofort Tempo und Komplexität aus der Geschichte und setzt zu ausführlichen Erklärungen an.

Da muss man durch, auch wenn man’s manchmal gern etwas flotter hätte. Man wird belohnt – mit einem Schluss, bei dem die Kunst, oder besser: der Kunstmarkt, eine ganz besondere Rolle spielt. Unter allen Märkten ist er der wohl widersprüchlichste, weil er streng nach den Regeln der Geldwirtschaft funktioniert und Kapitalismus-Kritik gern mit der kapitalistischsten aller Methoden – sehr viel Geld – zuschüttet. Ihn auszuhebeln und sich gleichzeitig an seine Spitze zu setzen, den Kapitalismus also mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen und dem Sozialismus die Treue zu halten – das darf man wohl das meisterlichste Schelmenstück des Peter Holtz nennen.

 

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