17.05.2017 03:00 |

Maifestspielen in Wiesbaden: Faust macht Spagat

Farbenprächtig und exotisch: Goethes „Faust“ war in einer stark verknappten Version von Anne Peschke als Peking-Oper in Wiesbaden zu sehen.

In der chinesischen Version von Goethes „Faust“ gibt es auch schon mal kleine Slapstick-Einlagen der Protagonisten. Die Inszenierung von Anne Peschke ist eine Mischung aus ritueller China-Oper und deutscher Performance.
In der chinesischen Version von Goethes „Faust“ gibt es auch schon mal kleine Slapstick-Einlagen der Protagonisten. Die Inszenierung von Anne Peschke ist eine Mischung aus ritueller China-Oper und deutscher Performance. Bild: LCL

„Ich bin der Geist, der stets verneint . . .“, intoniert Mephisto auf Chinesisch im typischen Pekingoper-Sprechgesang und steht dabei unnahbar wie eine Steinstatue auf seinem roten Holzstuhl. Eine der wenigen Szenen allerdings, in denen Goethes Diabolus an diesem Abend im Staatstheater Wiesbaden wirklich bedrohlich wirkt. Die Wendung seiner Figur ins stark Komödiantische war vielleicht die größte Überraschung der Deutschlandpremiere dieser Goethe-Inszenierung, die von der Heidelberger Performance-Künstlerin Anna Peschke zuvor an der Pekinger Oper einstudiert und vielfach aufgeführt worden war. Sogar als „Dummkopf“ beschimpft er einmal auf Deutsch den tumb wirkenden „Faust“, weil der den Sinn des Schmuckgeschenks für Gretchen (chinesisch tatsächlich „Gletchen“ gesprochen) nicht versteht.

Einarmiger Handstand

Manchmal wirken die vielen akrobatischen Tricks fast wie eine Slapstick-Pantomime von Stan Laurel und Oliver Hardy. Etwa, wenn Faust (chinesisch: „Fúshitè“) und Mephisto Gretchen hereinzulegen versuchen, Bruder Valentin töten und ihre Mutter vergiften. Auch, dass Faust einen eleganten Spagat im Stehen vollführen kann, bevor er mit einem einarmigen Handstand vom Tisch springt, ist für deutsche Zuschauer ungewohnt.

Der neu von Li Meini übersetzte Text musste für die Metrik der Peking-Oper neu eingerichtet werden und wurde bis auf die rudimentäre Handlung stark gekürzt. Der Schere fielen dabei alle religiösen Auftritte, die Volksszenen und die Figur der Kupplerin Marthe Schwerdtlein zum Opfer. Ganz reduziert auf Faust (Liu Dake), Mephisto (Xu Mengke), Gretchen (Zhang Jiachun) und Valentin (Zhao Huihui) nahm die Mischung aus ritueller China-Oper und deutscher Performance ihren Lauf. Spektakulär vor allem die Kostüme: Man konnte sich nicht satt sehen an den seidigen Wasserträger-Ärmeln Gretchens, mit deren Bandflattern sie nicht nur Faust verführen und Angst ausdrücken, sondern auch ihr ertränktes Kind liebevoll zudecken konnte. Prächtig funkelte der von Designer Akuan erschaffene Schmuck in den Flechten ihres Haarturms, wehte die schichtenreiche Robe des alten Faust, ganz zu schweigen von den meterhoch wippenden Fasanenfedern auf Mephistos Kopf.

Anna Peschke, die sichtlich stolz darauf ist, als erste westliche Regisseurin überhaupt gebeten worden zu sein, mit den Pekinger Stars zu probieren, durfte gemeinsam mit Xu Mengke sogar sanfte Neuerungen wagen. Fechtszenen in Slow-Motion-Optik gehören ebenso dazu wie die zerstückelten roten Holz-Stühle, die Peschke am Ende als Symbol der Gefühlstragödie an Seilen zur Decke fahren lässt. Dazu gehören auch die zart mit der chinesischen Originalmusik korrespondierenden Kompositionen von Luigi Ceccarelli und Alessandro Cipriani, die auch mal frech Verdi-Märsche zitieren, sowie das warme Kontrabass-Spiel zur Liebesgeschichte, intoniert von Bao Han. Dass auch italienische Künstler beteiligt sind, ist kein Zufall. Kam doch die gemeinsame Musikebene zustande, weil die italienische Emilia romagna teatro fondazione die Koproduktion erst ermöglichte.

Temperamentvoll

Nachdem „Standing Ovations“ den ersten Deutschland-Auftritt der Artisten aus Peking gekrönt hatten, gab es noch eine exklusive Fragerunde für das interessiert auf den Plätzen verharrende Publikum. Denn die chinesischen Künstler waren sichtbar neugierig auf die Reaktionen der Deutschen. Dabei erwies sich Co-Regisseur und Mephisto-Darsteller Xu Mengke als temperamentvoll und auskunftsfreudig, während Faust-Mime Liu Dake viel Applaus bekam, als er sein künstlerisches Selbstverständnis artikulierte: „Ich bin eine Verbindung zwischen Moderne und Klassik.“ Hörbaren Beifall löste auch seine Reaktion auf die Frage aus, was er während des „Faust“-Spiels empfunden habe: „Die wichtigste Sache ist für mich die Emotion.“

Aufgeregt und erschöpft wirkten dagegen das jüngste Opernmitglied, Zhao Huihui, das zuvor in der Rolle Valentins brilliert hatte, und die zartgliedrige Zhang Jiachun als Gretchen, der Moderatorin Anna Peschke partout keine Äußerung entlocken konnte.

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