12.09.2017 03:30 | Andreas Bomba

Premiere an Frankfurter Oper: Es herrscht Gewalt statt Liebe

Die Inszenierung von David Bösch, eine Koproduktion mit dem königlichen Opernhaus Covent Garden in London, blieb recht blass. Stimmlich überzeugte die Vorstellung mehr.

Um die Oper „Il Trovatore“ gut aufzuführen, braucht man nicht mehr als die vier besten Sänger der Welt. Soll Enrico Caruso behauptet haben! Der weltberühmte Tenor meinte natürlich sich selbst, dazu einen Bass, eine Mezzo- und eine Sopranstimme. Zu einer Zeit, als Regie noch Spielleitung hieß, Bühnenbild Dekoration und eine Handlung oft nicht mehr als einen Vorwand für die Musik und ihre Interpretation lieferte. Gesungen wurde vorwiegend und mit Standardgesten an der Rampe. So einfach kann man es sich heute nicht mehr machen. Pech für die Frankfurter Saisoneröffnung mit Verdis Erfolgsoper: Tanja Ariane Baumgartners mit Spannung erwartetes Debüt als Zigeunerin Azucena musste krankheitshalber verschoben werden.

Sehr kurzfristig übernahm die routinierte Amerikanerin Marianne Cornetti. Knarzend tiefe Töne zu Beginn machten fürchten, das zarte Duett „Ai nostri monti ritorneremo“ nahm für ihre Gefühle ein – eine männermordende, wenn-gleich unerotische Sphinx.

Schwere Basstöne

Ihren Partner und Bühnensohn, den Troubadour Manrico sang Piero Pretti mit hellem, stabilem, gerade in der Höhe (es gibt ein berühmtes „C“ in dieser Partie!) aber recht ungeschmeidig-körperlosem Tenor. Für den Grafen Luna fuhr Brian Mulligan schwere Basstöne auf, sang stämmig, changierte resolut und bestimmt; seine Liebesillusion im zweiten Teil („Il balen il suo sorriso – Der Strahl ihres Lächelns lässt der Sterne Leuchten verblassen“) hätte mehr Wärme und Empfindsamkeit vertragen können. So ersang sich Elsa van den Heever die Primadonnen-Krone des Abends, leicht und mädchenhaft als von den Männern begehrte, in Liebesdingen aber unsichere und unerfahrene Leonore. Gleichwohl blieben in der Höhe hinsichtlich Präzision in den Fiorituren (Verzierungen) und homogener Tonqualität noch Wünsche offen. Vier gute, phasenweise auch sehr gute Sänger – dazu gesellten sich – mit Kihwan Sim (Ferrando) und Alison King (Leonoras Zofe Ines) – schöne Stimmen aus Ensemble und Opernstudio.

An den Defiziten mögen sich vor allem die Melomanen stören, die den Verdi-Gesang allgemein mit seinen Finessen und Spezialitäten in der Krise sehen. Kompensieren lässt sich vieles durchs Orchester, das hier sängerfreundlich und, angeleitet von Jader Bignamini, mit Bereitschaft zur zurückgenommenen Begleitung (anstelle stärkerer Kontraste und Farben) spielte. Der von Tilman Michael einstudierte Chor sorgte für die berückendsten Momente des Abends, dem Nonnenchor im zweiten und, aus dem Off, dem „Miserere“ im vierten Teil.

Verworrene Handlung

Szenisch bleibt diese zunächst fürs Londoner Opernhaus Covent Garden (Premiere war dort im Dezember 2016) entstandene Produktion ziemlich blass. Zwar macht Verdi es schon den Spielleitern nicht leicht, da aus der einigermaßen verworrenen Handlung nur vier Szenen, Episoden in je zwei Bildern gespielt werden und vieles, was vor- und nachher und dazwischen geschieht, nur nacherzählt oder sogar vorausgesetzt wird.

Patrick Bannwarts Bühne bietet hierfür keine Orte. Schwarzweiß bleibt die Bühne, verbrannt, unwirtlich, es ist Krieg, es herrscht Gewalt, ein echter Panzer fährt auf, alle fuchteln mit Messern und Schießeisen herum. Am Schluss wird ein brennendes Herz herabgelassen – es brennt nicht vor Liebe, sondern markiert spektakulär die allgemeine Verzweiflung. Soeben hat Graf Luna nämlich erfahren, dass er mit Manrico nicht nur seinen Rivalen, sondern seinen Bruder hat verbrennen lassen, während die von beiden angebetete Leonora vergiftet am Boden liegt.

Liebe findet zwischen diesen Menschen nur in Projektionen statt. Wenn Leonora von ihrer Sehnsucht nach Manrico singt, flattern Schmetterlinge nicht durch ihren Bauch, sondern auf dem schwarzen Hintergrund; das Bild, das sie verzweifelt mit ins Kloster nehmen will, zeigt natürlich den langhaarigen Barden Manrico und nur entfernt Jesus Christus. Bei Lunas Liebeslied geht, wie sinnig, der Mond auf und darf nur ein Schmetterling flattern.

Das Geflecht des Beziehungs-Organigramms wird eingangs im Stil von Kinder-Graffiti gezeigt, Leonora schnitzt „L+M“ in eine Baumrinde – auch nicht gerade originell. Für Leben sorgen die Zigeuner, die hier, allen politischen Unkorrektheiten zum Trotz, hier noch so heißen dürfen. Gaukler, Schausteller, Jongleure, Bärenführer, lustige Männer mit Hütchen und Schnurrbärten (Kostüme: Meentje Nielsen), die in abgerissenen Karossen durch die Gegend fahren, Luftballons steigen lassen und Konfetti werfen – darf man solche Klischees noch bedienen?

Bettelnde Menschen

Die an diesem Abend besonders aggressiv bettelnden Menschen vor dem Frankfurter Opernhaus wirken wie die Kehrseite der Medaille, als gehörten sie irgendwie zur Inszenierung. Am Ende gab es für den neuen „Troubadour“ im Saal höflichen bis starken Beifall.

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