18.05.2017 03:30 | Dierk Wolters

„Frankfurter Lyriktagen“: Auf der Suche nach neuen Klängen und Worten

Frankfurt In 96 Veranstaltungen zeigen, erzählen und performen deutsche und internationale Lyriker, was es heute bedeutet, Gedichte zu machen.

Marion Poschmann liest in Königstein.
Marion Poschmann liest in Königstein. Bild: Heike Steiweg

„Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier“, jaulte vor dreieinhalb Jahrzehnten Nina Hagen ins Mikrofon. Wer sich heute mit Gedichten beschäftigt, dem mag es ähnlich gehen wie damals der TV-bedröhnten Sängerin. Kulturdezernentin Ina Hartwig erinnerte sich bei der Vorstellung des diesjährigen Programms, dass zum Gedichtelesen lange Jahre die „Ergriffenheit als Haltung“ gehörte, was einer mehr „spielerischen“ Einstellung gewichen sei, und das sei „letztlich zu begrüßen“. Spielerisch geht es in der Tat zu: Wie auch in den Jahren zuvor gibt es ein einführendes Lesungskonzert, das das Ensemble Modern diesmal mit dem begnadeten Dichter Jan Wagner halten wird. Als dritte Partie im Bunde wird sich im Dominikanerkloster die Komponistin Carola Bauckholt hinzugesellen, die den Klang im Geräusch sucht und auf der Bühne auch mit Alltagsgegenständen, von der Plastikflasche bis zur Zinkwanne, arbeitet. Es wird nicht Wagners einziger Auftritt bleiben: Unter anderem ist er am 26. Juni mit einem Western-Hörspiel (!) im Gallus-Theater zu Gast.

In Frankfurt zeigt Frank Witzel seine lyrische Seite.
In Frankfurt zeigt Frank Witzel seine lyrische Seite.

Sorgfältig komponierte Themenabende, die gern auch über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinausschauen, sind die Spezialität des von Literaturreferentin Sonja Vandenrath ausgerichteten Festivals: Am 23. Juni gibt es in der Stadtbücherei einen Abend mit der tunesischen Schriftstellerin Najet Adouani und dem syrischen Dichter Yamen Hussein. Zeitgleich moderiert Michael Hohmann in der Romanfabrik Poesie aus dem Buchmessegastland Frankreich. Zu Gast sind Stéphane Bouquet, Valère Novarina und Jacques Roubaud.

Für entscheidungsschwache Wortfetischisten ist das Festival eine Härteprobe: Am Samstag, 24. Juni, performt der englische Beat-Poet Michael Horovitz mit Vanessa Vie und der „William Blake Klezmatrix Band“ in der Hochschule für Musik. Klezmer und Jazz treffen auf Beatpoesie, jiddische Lieder, Dada und die Lyrik des Romantikers Blake, versprechen die Veranstalter. Ein wilder Mix, dem am Tag darauf im Museum Judengasse der Ernst folgt: Dort nämlich unterhält sich Michael Horovitz, der 1935 in Frankfurt geboren wurde, mit seinem Sohn Adam, der wie er ein Lyriker geworden ist.

Volker Brauns Lesung im Goethehaus am 25. Juni aus seiner „Handbibliothek der Unbehausten“ gehört zu den großen Einzelveranstaltungen. Im Ponyhof lässt Dirk Hülstrunk derweil Spoken-Word-Künstler zu Wort und Klang kommen. Am 27. Juli kann man Michael Fehr gemeinsam mit Bassist Manuel Troller im Literaturhaus bei „Riffs, Songs und Stories an den Gattungsgrenzen“ erleben. Zeitgleich gibt es eine rheinländische Paarung in der Evangelischen Akademie im Römer: Hier treffen Jürgen Becker und der Büchnerpreis-Träger Marcel Beyer aufeinander.

Am Tag zuvor schon liest Beyer im Badehaus in Bad Soden, am Tag nach dem gemeinsamen Treffen liest Becker im Wiesbadener Literaturhaus Clementine: Das vom Kulturfonds geförderte Gedichte-Fest scheut keine Anstrengung, lyrischen Glanz auch in der Region erstrahlen zu lassen. Marion Poschmann kommt nach Königstein (23. Juni), Paul-Henri Campbell und Nora Gomringer beehren Oberursel (23. Juni), Thomas Rosenlöcher und Tom Schulz kommen auf die Kronberger Burg (28. Juni), Silke Scheuermann nach Seligenstadt (29. Juni) und Norbert Hummelt nach Eppstein (30. Juni).

Noch eine Überraschung: Frank Witzel, Buchpreisgewinner 2015 mit seinem Schinken über „Die Erfindung der Rote Armee Fraktion“, kann auch Gedichte: „Grund unter Grund“ erscheint im Oktober. Am 28. Juni wird Witzel in Frankfurts Ausstellungshalle 1 A daraus lesen.

Am Samstag, 1. Juli, ist großes Frankfurter Lyriknacht-Finale: mit Konstantin Ames, Nico Bleutge, Norbert Hummelt, Dagmara Kraus, Ursula Krechel, Steffen Popp, Ilma Rakusa und Ron Winkler. Gründe genug für ein bisschen Ergriffenheit. Oder einfach nur nette Spiele mit dem Wort.

 

22. Juni bis 1. Juli. Alle Veranstaltungen und weitere Informationen unter
www.frankfurter-lyriktage.de.
Kartentelefon: (069) 4 07 66 25 80

 

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