20.04.2017 03:30 | Sabine Münstermann

Willkommen in der Lern-Bar: Integration und Inklusion: Gonzenheimer Schule stellt sich den Herausforderungen

Gonzenheim Grundschullehrer? Super Job! Man bringt den Kindern das Abc und die Grundrechenarten bei und hat jede Menge Urlaub. Das ist die gängige Vorstellung. Die aber an der Realität vorbei geht. Denn Grundschullehrer fungieren heute – Stichwort Inklusion und Integration – unter anderem als Erziehungshelfer und als Sprach- und Lerntherapeuten. Das funktioniert nicht ohne Hilfe. Die Friedrich-Ebert-Schule hat für ihre 353 Schüler ein Konzept entwickelt, das erfolgversprechend klingt.

„Was ist an diesem Wort besonders schwierig?“ Anne-Katrin Franke, hier im Bild mit Vincent, kann in der „Lern-Bar“ individuell auf die Schüler eingehen. Bilder >
„Was ist an diesem Wort besonders schwierig?“ Anne-Katrin Franke, hier im Bild mit Vincent, kann in der „Lern-Bar“ individuell auf die Schüler eingehen. Bild: Jochen Reichwein

Auf den Tischen kleben kleine Bildchen. Boten des Frühlings sind darauf zu sehen – Schmetterlinge etwa oder Bienen. Die zwölf Erstklässler, die sich um den Tisch versammelt haben, sind darüber vor Freude ganz aus dem Häuschen.

„Ich habe Euch diese Karten mitgebracht, weil wir uns heute mit dem Thema Frühling beschäftigen“, sagt Anne-Katrin Franke zu den Schülern der Friedrich-Ebert-Schule (FES). Nein, Franke ist keine typische Grundschullehrerin, sie ist Förderschullehrerin und Sonderpädagogin der Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstelle des Hochtaunuskreises (REBUS). Eigentlich besteht ihre Aufgabe darin, Kinder mit Schwierigkeiten in der sprachlichen Entwicklung, der emotionalen und sozialen Entwicklung sowie im Förderbereich Lernen zu unterstützen. Was sie an der FES auch macht, aber anders.

Franke und ihre Kollegin Martina Mucha sind für jeweils 17 Stunden Förderunterricht abgeordnet. Was früher bedeutet hätte, dass nur einige wenige Kinder für jeweils einige wenige Stunden in den Genuss der Förderung gekommen wären. Die FES hat diese 34 Stunden jetzt aber genommen und sie so aufgeteilt, dass alle ersten Klassen abwechselnd in diesen Förderunterricht kommen, um schon von vornherein etwaige Defizite zu entdecken oder einfach präventiv zu arbeiten.

„Lern-Bar“ heißt das inklusive Konzept, das es jetzt neben den differenzierenden Angeboten im Regelunterricht der FES gibt. Der Name ist bewusst als „Teekesselchen“ zu verstehen, denn: „Wir wollen den Kindern zum einen zu verstehen geben, dass man Dinge erlernen kann, zum anderen ist es witzig, die Vorstellung zu haben, man sitze in einer Bar“, sagt Franke lachend.

Platz ist Voraussetzung

Tatsächlich hat die FES das große Glück, dass sie über genügend Platz verfügt, um dafür auch zwei Räume zur Verfügung stellen zu können. In denen es so gemütlich und niedlich aussieht, dass man sich eher an ein Bastelzimmer in einer Kita statt an ein Klassenzimmer erinnert fühlt. „Die Atmosphäre ist wichtig und auch die Tatsache, dass hier alle Erstklässler herkommen. So hat kein Kind mehr das Gefühl, ein Versager zu sein, weil es in den Deutsch-Förderkurs muss. Es sind schließlich alle hier“, sagt Franke.

Deswegen gibt’s in der „Lern-Bar“ auch jede Art von Schulmaterial, Zahlentafeln und einen Abakus, Kalender, Bücher und Wissenskarten, Atlanten und bunte Boxen mit allerhand Wissenswertem drin. So haben alle Schüler – gleich, ob schon gut im Lesen, Schreiben und Rechnen oder nicht – die Möglichkeit, intensiv zu üben.

Und Spaß macht die Sache auch noch. „Das ist ein Vogel“, sagt zum Beispiel Vincent (7) und zeigt auf sein Bilderkärtchen. „Und was ist an dem Wort schwer?“, fragt Franke in die Runde. Natürlich weiß Vincent sofort, dass es um den Anfangsbuchstaben geht. Weswegen er das Kärtchen gleich an die Tafel kleben darf. Julia (7) hat sich einen Marienkäfer ausgesucht. Der ist beim Buchstabieren etwas schwieriger. Aber das klappt auch – und schon hat die ganze Gruppe – Franke und ihre Kollegin übernehmen jeweils eine halbe Klasse – schnell ein paar Lernwörter aufgeschnappt. Und darf jetzt im Ausmalheftchen Schwungübungen machen.

Über die Vorgehensweise in der „Lern-Bar“ tauschen sich die Förderschullehrerinnen in der Montagskonferenz mit den Grundschullehrern der FES aus. Auch, wenn ihnen bei einem Kind besonderer Förderbedarf auffällt, sprechen sie das an. Umgekehrt benennen die Lehrer Themen, bei denen sie vielleicht nicht weiterkommen. „Das kann ein Verhaltensthema sein, das wir dann gezielt ein paar Stunden lang angehen, aber auch, speziell mit einem Kind vielleicht noch mal den Zahlenraum bis 20 zu üben“, sagt Franke. Das Zusammenspiel klappe super – ohne es sei das mit einem hohen Grad an Organisation verbundene Konzept aber auch nicht möglich.

Denn ab der zweiten Klasse werden die Kinder von den Lehrern mit speziellen Aufträgen in die „Lern-Bar“ geschickt. „Oder das Kind entscheidet selbst, dass es etwas nicht verstanden hat“, sagt Schulleiterin Charlotte Göttler-Fuld. Dafür hat die Schule nicht nur sogenannte Laufzettel entwickelt, auf denen Name, Datum und Inhalt sowie die Unterschrift des Lehrers enthalten sind, die die Kinder an die Hand bekommen, „damit man weiß, wer wann wo ist“. Sondern „wir haben auch den Stundenplan der Lehrer so organisiert, dass eben auch Lehrer des Kollegiums in der ,Lern-Bar‘ sind und die Kinder gezielt fördern“. Die wiederum ihre Kollegen an ihren Erfahrungen dort teilhaben lassen.

Die Angst nehmen

Eine ganz entscheidende Sache, denn Integration von Kindern, die kein Wort Deutsch sprechen, und Inklusion von Kindern mit besonderen Herausforderungen gleich welcher Art hat den Grundschulalltag verändert – und zwar nicht nur an der FES. Denn das bisherige Ziel, dass am Ende der Grundschulzeit alle lesen, schreiben und rechnen können sollen, über ein gewisses Maß an Selbstorganisation verfügen und über Sozialkompetenzen wie Frusttoleranz – das gibt es nicht mehr. „Kann es auch gar nicht geben, denn bei der Heterogenität der Klassen können am Ende eines Schuljahres gar nicht alle die gleichen Lernziele erreicht haben“, sagt Franke. Wenn die Lehrer erkennen, dass manche eben etwas länger brauchen und andere es vielleicht nicht schaffen – wenngleich sie Lernfortschritte machen –, „nimmt das die Angst vor der Überforderung durch den inklusiven Unterricht“.

Genau das hat Schulleiterin Charlotte Göttler-Fuld auch bei ihrem Kollegium wahrgenommen. „Die Kollegen fühlen sich durch die beiden Sonderpädagoginnen ausgesprochen unterstützt und in ihrer Arbeit bereichert.“

Dass das überhaupt möglich war, ist nicht zuletzt dem zuständigen Schulamt in Friedberg zu verdanken, das beschied, jene Lehrerstunden, die an den verbliebenen Förderschulen wegen sinkender Schülerzahlen frei wurden – wo ja viele ihre Kinder jetzt regelbeschulen lassen –, den Regelschulen wie eben der FES als Stunden des Beratungs- und Förderzentrums zukommen zu lassen. „Das war seinerzeit der Deal für Modellregionen wie den Hochtaunuskreis. Weil wir damit so gute Erfahrungen gemacht haben, rechnen wir jetzt hessenweit so“, unterstreicht Dr. Erik Dinges, Dezernent für sonderpädagogische Förderung beim Staatlichen Schulamt.

Rechnen? Bei dem Wort zückt Elias (7) den Abakus. Und stellt ihn sofort wieder weg. „Den brauche ich gar nicht. Ich kann auch ohne rechnen.“

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