17.02.2016 03:30 |

Erfolgreicher Infoabend: Ein menschliches Gesicht zeigen

Friedrichsdorf Wer Flüchtlinge als Mentor begleiten möchte, braucht ein polizeiliches Führungszeugnis und ist über die Stadt versichert. Das Wichtigste für die Neuankömmlinge aber ist die deutsche Sprache.

An Stand des Vereins „Wir Friedrichsdorfer“ konnten sich die Gäste über das Spendenlager informieren.
An Stand des Vereins „Wir Friedrichsdorfer“ konnten sich die Gäste über das Spendenlager informieren. Bild: Matthias Reichwein

255 Flüchtlinge leben derzeit in Friedrichsdorf, 250 Asylbewerber muss die Stadt bis Ende April noch aufnehmen, berichtet Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne). Aber mit dem Dach über dem Kopf ist es nicht getan. Die Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Krisenregionen müssen lernen, sich in Deutschland zurechtzufinden, in dieser Gesellschaft, die ganz anders ist als in ihrer Heimat. Sie brauchen Hilfe bei Behördengängen und müssen vor allem Deutsch lernen. Die Stadt hat deshalb ein Mentoren-Programm ins Leben gerufen: für ehrenamtliche Helfer, die sich um eine Flüchtlings-Familie oder eine Gruppe von Asylbewerbern kümmern möchten. Für Montagabend hatte die Stadt zum Informationsabend ins Forum Friedrichsdorf eingeladen.

Schlimme Erlebnisse

Rund 160 Personen waren gekommen. Das freute den Rathauschef: „Vielen Dank, dass Sie helfen wollen, Friedrichsdorf ein menschliches Gesicht zu geben.“

Die Mentoren müssen sich aber zuerst bei der Stadt registrieren lassen, aus mehreren guten Gründen: „Wenn Sie bei uns registriert sind, dann handeln Sie im Auftrag der Stadt und sind über uns unfallversichert“, erklärte der Bürgermeister. Zudem müsse jeder, der helfen wolle, ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. „Das kostet Sie nichts. Aber wir möchten verhindern, dass sich Freunde der Salafistenszene oder Leute, die andere Interessen haben, die wir nicht gebrauchen können, bei uns betätigen.“ Wichtig sei es dann, den Asylbewerbern Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Falsch dagegen, ihnen alles abzunehmen wie einem kleinen Kind. Denn das entmündige sie. „Dann werden Menschen bequem.“

Wie man es richtig macht, erklärte Uwe Stubbe (Grüne), Friedrichsdorfer Ortsvorsteher, Nabu-Vorsitzender und seit Dezember 2013 Mentor für Flüchtlinge: „Wenn Sie sich für Flüchtlinge engagieren, dann sollte das für längere Zeit sein.“ Seine eigenen Schützlinge hätten erst im Juni 2015 ihren Anhörungs-Termin in Gießen gehabt, und im Dezember war die Entscheidung zu ihrer Anerkennung endlich da. Und nun brauchten sie Hilfe bei der Wohnungssuche. „Wenn Sie Mentor sind, sind Sie der erste Ansprechpartner für ,Ihre Flüchtlinge‘. Sie haben ein Vertrauensverhältnis. Lassen Sie sie nicht hängen.“ Und: „Überfordern Sie die Asylbewerber nicht.“ Sie seien zwar körperlich da, aber sie müssten sich erst einleben. „Viele Flüchtlinge haben fürchterliche Dinge erlebt, die sie Ihnen möglicherweise irgendwann erzählen.“

Auch das Deutschlernen sei für Flüchtlinge nicht immer einfach. „Manche Asylbewerber sind Analphabeten und können weder schreiben noch lesen.“ Auch Englisch könnten viele nicht. Zum ersten Kontakt müsse der Mentor dann einen Dolmetscher mitnehmen. Häufige Fragen der Asylbewerber seien: „Wo kann ich einkaufen gehen? Wo fährt der Bus? Wie kann ich ein Konto eröffnen? Was mache ich, wenn ich zum Arzt muss?“ Kinder müssten innerhalb eines halben Jahres eingeschult werden. Ausweise müssten verlängert werden. Und: „Die Formulare für die Behörden sind natürlich auf Deutsch.“ Die habe er als Mentor ausgefüllt. Ins Landratsamt gebracht hätten die Flüchtlinge die Anträge dann aber selbst.

Kontakte vermitteln

Außerdem könne der Mentor gut Kontakte zu anderen Flüchtlingen der gleichen Sprachgruppe vermitteln, die schon länger hier seien. So könnten sich die Asylbewerber gegenseitig helfen. Und dem Mentor selbst könnten bei Fragen sicher auch andere Freiwillige helfen. Denn auch ehrenamtliche Helfer müssten ihre Grenzen kennen: „Muten Sie sich nicht zu viel zu.“

Mit Infoständen waren der Arbeitskreis Asyl, das Diakonische Werk und der Verein „Wir Friedrichsdorfer“ gekommen. „Wenn nicht wir Hugenottennachkommen, wer soll dann den Flüchtlingen helfen?“, sagte Lutz Kunze, Gründungsmitglied des Arbeitskreises Asyl . „Ich bin selbst Flüchtlingskind. Meine Eltern sind in den 1950er-Jahren mit mir aus Thüringen geflohen. Ich weiß, wie es ist, wenn man nur mit einem Koffer ankommt.“ Arbeitskreis-Vorsitzende Regine Trenkle-Freund fordert von der Stadtverwaltung die Einstellung von mehr Sozialarbeitern: „Was ehrenamtlich geleistet wird, ist wichtig und richtig, aber Willkommenskultur braucht Willkommensstruktur.“ Was das Thema Kölner Silvesternacht betreffe: „Das ehrenamtliche Engagement ist trotzdem ungebrochen. Die Menschen können differenzieren und wissen, wenn ein Flüchtling Mist baut, dann machen das nicht alle.“

Das Diakonische Werk betreut Flüchtlinge in Wohnheimen und hilft ihnen auch später bei der Wohnungssuche, berichtet Dr. Gülsün Firat. „Wir suchen Ehrenamtliche, die Flüchtlinge unterstützen, die aus Gemeinschaftsunterkünften ausziehen möchten“, fügt sie hinzu. Auch Immobilienbesitzer, die Wohnungen an Flüchtlinge vermieten möchten, bitte das Diakonische Werk, sich zu melden. Ansprechpartnerin Gülsün Firat ist telefonisch zu erreichen: 01 51-58 42 08 19, E-Mail guelsuen.firat@diakonie-htk.de.

Der Verein „Wir Friedrichsdorfer“ betreibt ein Spendenlager für Flüchtlinge in der Alten Schule Seulberg, Herrenhofstraße 1. Gesucht werden unter anderem Fahrräder, Fahrradhelme, Fußballschuhe Größe 40 bis 44, Schulmäppchen, Stifte, Töpfe, Pfannen und Einkaufstrolleys. Der aktuelle Bedarf ist auch im Internet zu finden: www.wirfriedrichsdorfer.de. Spendenannahme ist dienstags von 10 bis 12 Uhr und mittwochs von 16 bis 18 Uhr.

 

Wer sich bei der Stadt Friedrichsdorf als Flüchtlings-Mentor registrieren lassen möchte, kann sich auf der Internet-Seite www.friedrichsdorf.de informieren. Die zentrale Flüchtlingshilfe im Rathaus ist telefonisch zu erreichen: (0 61 72) 7 31 13 99, E-Mail fluechtlingshilfe@friedrichsdorf.de. Zudem sucht die Stadt nach wie vor Unterkünfte für Flüchtlinge, Ansprechpartner im Amt für Liegenschaften sind Wolfgang Ditterich, Telefon (0 61 72) 7 31 12 42, und Claudia Strack, Telefon (0 61 72) 7 31 12 60.

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