19.06.2017 03:30 | Boris Schöppner

Wände bemalen erlaubt: Accenture setzt auf Kreativität der Mitarbeiter

Kronberg Das Beratungsunternehmen Accenture geht ungewöhnliche Wege. Am Firmensitz in Kronberg wurden die Räume neugestaltet und mit hochmoderner Technik ausgestattet. In so einer Umgebung lässt es sich sogar mit einem Zauberstab arbeiten.

Karl Rathgeb im 500 000 Euro teuren Raum „Bumblebee“.
Karl Rathgeb im 500 000 Euro teuren Raum „Bumblebee“.

Bunte Sitzkissen auf dem Boden, eine Couchecke, deren Elemente wild kombinierte Muster aufweisen. Von dem Neo-Hippi-Chic sollte man sich nicht täuschen lassen: Wir befinden uns nicht bei den Sozialpädagogen in der Fachhochschule, sondern im Future Camp von Accenture, das im Zuge des aktuellen Umbaus entstanden ist. Hier – wie im gesamten Gebäude Beta des Campus Kronberg – soll die Kreativität der Mitarbeiter angeregt werden. Das Bemalen der Wände ist ausdrücklich erlaubt – überall liegen Stifte bereit.

Kurzfristige, informelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit sollen gefördert werden. Sitz- und Stehecken sind überall vorhanden. Doch abhängen und in die Luft gucken, ist hier nicht gefragt. „Es gibt immer eine konkrete Fragestellung, die es zu lösen gilt“, erklärt Karl Rathgeb, Mitglied der Geschäftsführung in Deutschland. Am Ende soll der Kunde mit einem Produkt aus dem Workshop rausgehen – zum Beispiel einer App.

Magnetische und beschreibbare Wände bei Accenture in Kronberg sollen Mitarbeiter und Kunden zur Kreativität anstiften. Einige Motive stammen von Designern und weisen auf ihre Art in die Zukunft.
Magnetische und beschreibbare Wände bei Accenture in Kronberg sollen Mitarbeiter und Kunden zur Kreativität anstiften. Einige Motive stammen von Designern und weisen auf ihre Art in die Zukunft.

Wenige Schritte von dem Raum mit der farbenfrohen Couchgarnitur entfernt findet sich der Meetingraum „Bumblebee“. An den Wänden hängen fünf große Monitore, die Decke ist gespickt mit Sensoren, die die Bewegungen des Mitarbeiters, der einen entsprechenden „Zauberstab“ nutzt, in Computerbefehle umwandelt. Einzelne Elemente aus einer grafischen Darstellung können so ausgeschnitten, geparkt und weiterverarbeitet werden. Zudem können riesige Datenmengen, die bei Workshops und Simulationen anfallen, analysiert werden. Die Kamera an der Decke ist gleichzeitig ein Projektor: Sie kann eine Skizze an die Wand werfen, handschriftliche Notizen und gezeichnete Vorschläge dann wieder abfotografieren und die Daten zur weiteren Verwendung zur Verfügung stellen. Die Kosten für die Ausstattung dieses Raumes: 500 000 Euro.

700 Monitore

Da wundert es nicht, dass Rathgeb den finanziellen Aufwand für den kompletten Umbau mit „mehreren Millionen Euro“ angibt. Vor allem dann nicht, wenn man weiß, dass allein im Gebäude Beta in den vergangenen 18 Monaten 125 Kilometer Kabel verlegt, 1800 Leuchten angeschlossen, 700 Monitore aufgestellt und 850 laufende Meter Wand umgerüstet worden sind. Accenture hat dort auf sechs Stockwerken 10 000 Quadratmeter angemietet. Eine ähnlich große Fläche kommt beim Gebäude „Peoples Forum“ hinzu – auch das soll so umgebaut werden, dass es das kollektive Arbeiten erleichtert. Die Flächen im Haus Gamma wurden aufgegeben. „Sowohl der Vermieter als auch wir investieren substanzielle Beträge“, sagt Rathgeb.

Auch so kann ein moderner Arbeitsplatz aussehen.
Auch so kann ein moderner Arbeitsplatz aussehen.

Accenture bleibt bis 2027 am Standort Kronberg. Die Entscheidung ist vor zwei Jahren gefallen. Umbau und Modernisierung sind notwendig, um sich an die Erfordernisse anzupassen. Etwa 20 Prozent Fläche weniger als in den vergangenen 15 Jahren werden am Campus Kronberg von Accenture belegt, erklärt Rathgeb. Dafür sind aber mehr Mitarbeiter als früher anwesend. Eine Entwicklung, die auf den ersten Blick vielleicht nicht einleuchtet, die aber eine Folge der Digitalisierung ist. Die Anzahl der kleinen, kurzfristigen Projekte hat deutlich zugenommen – und dafür kommen die Kunden zu Accenture. „Mittlerweile findet die Wertschöpfung auch auf dem Campus statt – und nicht mehr nur beim Kunden“, erläutert Rathgeb.

Die Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle, die Dienstleistungen gewinnen an Bedeutung gegenüber den Maschinen. Auch aus dem Wissen über die Daten – zum Beispiel aus der Produktion – lassen sich neue Geschäftsfelder erschließen. „Früher waren wir auf der Computermesse Cebit, mittlerweile sind wir auch auf der Hannover Messe, also der weltweit führenden Industriemesse“, sagt Rathgeb. Virtuell lassen sich ganze Produktionsstraßen entwickeln, Abläufe testen und die gewonnenen Daten analysieren – und zwar bevor überhaupt der Bauantrag gestellt, der Boden gegossen ist, auf dem künftig eine Drehmaschine steht. An allen Punkten fallen Daten an: Drehgeschwindigkeit, Temperatur, Verschleiß. Wer versteht, sie richtig zu lesen, kann zum Beispiel die Wartungsintervalle optimieren.

Schneller Wandel

Die Digitalisierung beschleunigt die Produktzyklen – das gilt auch für die Abschreibefristen von technischer Büroausstattung, insbesondere für Unternehmen, die ganz vorne mit dabei sein wollen, wie Rathgeb erläutert. Was heute noch angesagt ist, ist es in zwei Jahren vielleicht schon nicht mehr. Sich nach dem Kraftakt des Umbaus auszuruhen – das ist ausgeschlossen. Der Kampf um die Zukunft ist ein permanenter.

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