21.04.2017 03:30 |

Referendum in der Türkei: Usinger Familie steht zu ihrem Nein

Usingen Eine knappe Mehrheit der Wahlberechtigten hat dafür gestimmt, dass in der Türkei ein Präsidialsystem eingeführt wird. 58 Prozent der im Frankfurter Generalkonsulat wahlberechtigten Türken haben mit Ja gestimmt. Die Usinger Familie Dirik gehört nicht dazu, sie hat mit Nein gestimmt und ist sehr enttäuscht über den Ausgang des Referendums.

Die in Usingen lebenden Türken Senem Cabbar, Suat und Tülay Dirik (v. l.) haben beim Referendum mit „Nein“ gestimmt und stehen auch dazu.
Die in Usingen lebenden Türken Senem Cabbar, Suat und Tülay Dirik (v. l.) haben beim Referendum mit „Nein“ gestimmt und stehen auch dazu.

Usingen. Suat Dirik ist 53 Jahre alt, lebt seit 28 Jahren in Deutschland und leitet seit 17 Jahren erfolgreich zusammen mit seiner Ehefrau Tülay die Hoch- und Tiefbau-Firma „Dirik Bau GmbH“. „Mir geht es nicht gut, mein Vater ist letzte Woche gestorben“, sagt Suat Dirik. „Und er konnte sich nicht von ihm verabschieden und auch nicht zur Beerdigung in die Türkei fliegen.

Denn sonst wäre er wahrscheinlich am Flughafen festgenommen und verhaftet worden“, sagt Diriks 28-jährige Tochter Senem Cabbar. Sie habe ihn erst noch ermutigt, doch zu fliegen. Bald habe sie aber gemerkt, dass das wohl zu gefährlich wäre.



Denn Suat Dirik ist vor 28 Jahren aus der Türkei geflohen, um politischen Repressionen zu entgehen. So mutig wie heute, war er auch damals schon, hat seine Meinung, die oft auch kritisch war, ausgesprochen. Das hat früher wie heute Probleme verursacht. Vor dem Referendum hatte Dirik auf Facebook zu erkennen gegeben, dass er dem „Hayir“-Lager (Nein-Lager) näher steht. „Daraufhin wollten ihm Befürworter mal zeigen, wo es langgeht, und haben ihn in der Türkei angeschwärzt“, sagt Senem Cabbar.

Anders als Familie Dirik wollten die meisten von der TZ zu ihrer Meinung angefragten Türken im Usinger Land sich nicht öffentlich gegen den türkischen Präsidenten Recep Erdogan und sein Referendum positionieren. Einige waren jedoch bereit, etwas zu sagen, allerdings nur anonym (lesen Sie auch den unten stehenden Artikel). Und zwar deshalb, weil ihre Familien noch in der Türkei leben und sie diese unbedingt schützen wollen.

Suat Dirik hat zwei Brüder und drei Schwestern, die im Westen der Türkei leben. Einer seiner Brüder ist Lehrer. „Am Telefon sprechen wir nicht über die Politik in der Türkei“, sagt der Usinger Unternehmer, der den Ausgang des Referendums mit seiner Frau Tülay vor dem Fernseher verfolgte. Ebenso wie Tochter Senem Cabbar, sie hat sich die Wahlen mit ihren beiden Kindern (3 und 5 Jahre) angeschaut.

„Gesprochen habe ich mit ihnen darüber aber nicht, dafür sind sie noch zu klein“, sagt die selbstbewusste Türkin und ergänzt mit deutlichen Worten: „Mein Vater hat uns so erzogen, dass jeder seine eigene Meinung haben und auch sagen darf. Ich hätte also auch Ja zu Erdogans Referendum sagen dürfen, das wäre auch in Ordnung gewesen für meinen Vater.“

Staatsbürgerschaft wechseln

1989 kam Suat Dirik nach Deutschland, fast genauso lange lebt er auch schon in Usingen, wo damals ein Bekannter lebte, der ihn zu sich holte. 1991 kamen seine älteste Tochter und seine Ehefrau nach. Alle drei haben die türkische Staatsbürgerschaft. „Ich werde aber meine Staatsbürgerschaft wechseln und die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Diese Entscheidung stand schon vor dem Referendum so gut wie fest. Aber der Ausgang spielt nichtsdestotrotz eine große Rolle“, sagt Senem Cabbar. Ihr Vater werde sich ihr wahrscheinlich anschließen. „Ich habe 28 Jahre keine Probleme gehabt in Deutschland“, sagt der 53-Jährige.

 Was viele Türken im Usinger Land umtreibt, ist die Frage: Wie können Türken, die in einer Demokratie leben, dafür sein, dass Türken in ihrem Heimatland nun in einem Präsidialsystem leben sollen? Die Meinung Suat Diriks und Senem Cabbars: „Türken, die in Deutschland leben, hätten eigentlich diese Wahl nicht treffen dürfen.“ Cabbar glaubt auch die Beweggründe der Ja-Sager zu kennen: „Sie sind der Meinung, dass die Türkei nur so ihre Stärke und ihre Macht gegenüber Europa demonstrieren kann.“    nni

Kommentare

  • Es ist zum Heulen
    geschrieben von Dwoehler (96 Beiträge) am 21.04.2017 09:21

    NEIN....nicht die Wahlberechtigten haben für irgendetwas abgestimmt sondern diejenigen die gewählt haben. Wer nicht wählt kann nicht für irgendetwas abstimmen. Die Wahlbeteilung lag bei weitem nicht bei 100%.
    In einem der letzten Artikel hieß es noch, das die Mehrheit der hier lebenden Türken für Erdogan gestimmt hat. Das ist ebenso falsch, denn es war genau genommen eine Minderheit bei einer Wahlbeteiligung von knapp 50%. Man muß nicht studiert haben, um dies zu verstehen.



Ein neues Posting hinzufügen


Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername: *
gewünschtes Passwort: *
Wiederholung Passwort: *
E-Mail: *
Kundennummer falls vorhanden:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage: Wie heißt die Hauptstadt von Spanien?: 

Weitere Artikel aus Usinger Land

Auf ihrem Weg zu den Laichgewässern hat es dieses Krötenpärchen nicht leicht. Denn zwischen Wald und Teich liegt eine Straße. Amphibienhelfer sammeln die Tiere daher ein und tragen sie an ihren Zielort.
Usinger Land
|
Leitplankenanlage erhitzt die Gemüter zweier Naturschutzgruppen

Streit um die Kröte geht weiter

Die Ergebnisse der Lokalen Agenda sind vielfältig, aber was geschieht damit. Die Taunus Zeitung schaut genauer hin: Erledigt, oder alles für die Katz? Karikatur: Schwarze-Blanke
Usingen
|
Stadt sollte weiterentwickelt werden

Lokale Agenda hinterlässt wenig Spuren

Weitere Artikel aus Usinger Land

Und hopp: Cara Zillmann absolviert auf der Reitanlage an der Amalienschneise mit Toledo ein paar leichte Sprünge. Zuschauer gibt’s meistens, wenn die 15-Jährige trainiert.
Bad Homburg
|
Hier werden Hürden spielend genommen

Im Reitschulzentrum gibt es Unterricht für alle, die kein Pferd besitzen

Im Kollektiv dem Hausherrn hinterher brachten die Schneidhainer Kerbeburschen den Baum noch bis an seine neue Lagerstätte in Weilrod.
Baum der Schneidhainer Kerbeburschen

Ein holziges Mitbringsel in handlichen Stücken

Rubrikenübersicht